Stand: Oktober 2026 | Elvir Kajgana, Akademie Wicke
Ausbildung 2026 ist nicht Ausbildung 2006. Der Satz klingt banal, seine Folgen sind es nicht: Viele Erwartungen, Gesprächsroutinen und Ausbildungskonzepte stammen noch aus einer Zeit, in der sich junge Menschen stärker um knappe Ausbildungsplätze bewarben. Heute konkurrieren Unternehmen um Aufmerksamkeit, Vertrauen und die Frage, ob junge Menschen bleiben — während gleichzeitig Stellen unbesetzt bleiben und junge Menschen keinen passenden Platz finden. Markt, Übergänge und die Aufgabe von Ausbildung selbst haben sich verschoben.
Der Markt hat sich strukturell gedreht
In den frühen 2000er-Jahren war der Ausbildungsmarkt geprägt von einem Nachfrageüberhang: mehr Bewerbende als Plätze, die Auswahlmacht lag klar bei den Unternehmen. Heute ist die Lage umgekehrt und zugleich komplizierter. Laut Berufsbildungsbericht 2026 (BMBFSFJ, Datenbasis BIBB) standen 2024 insgesamt 556.100 angebotenen Stellen nur 486.700 neu abgeschlossene Verträge gegenüber — 69.400 Ausbildungsplätze blieben unbesetzt, gleichzeitig galten 31.200 Bewerberinnen und Bewerber als unversorgt. Der Markt hat nicht einfach mehr Stellen als Bewerber. Er hat ein Passungsproblem: Betriebe und Jugendliche finden sich nicht mehr automatisch.
Das verändert die Logik von Ausbildung. Früher bewarben sich junge Menschen um Ausbildungsplätze. Heute bewerben sich Unternehmen auch um Aufmerksamkeit und darum, dass junge Menschen bleiben. Wer diese Verschiebung nicht wahrnimmt, führt Ausbildung mit der Haltung eines Angebotsmarkts durch — in einem Markt, der längst keiner mehr ist.
Mengenproblem oder Passungsproblem?
Der Unterschied zwischen einem Mengenproblem und einem Passungsproblem entscheidet darüber, wo ein Unternehmen ansetzen sollte. Ein Mengenproblem hieße: Es gibt schlicht zu wenige Interessenten. Die Antwort darauf wäre mehr Reichweite, also mehr Messen, mehr Kampagnen, mehr Kanäle. Ein Passungsproblem bedeutet etwas anderes. Interessenten und Betriebe finden zueinander, aber die Verbindung hält nicht. Die Antwort darauf beginnt nach der Vertragsunterschrift, im Alltag der ersten Wochen.
Nach unserer Erfahrung behandeln viele Unternehmen ihre unbesetzten Plätze wie ein reines Mengenproblem. Sie investieren in Sichtbarkeit und Auswahlverfahren. Beides bleibt sinnvoll. Nur erklärt es nicht, warum Verbindungen scheitern, die bereits zustande gekommen waren. Wer beide Probleme auseinanderhält, kann Budget und Aufmerksamkeit dorthin lenken, wo der Engpass tatsächlich liegt. Für die Ausbildungsleitung heißt das: Vor der nächsten Maßnahme zur Bewerbergewinnung lohnt der Blick darauf, wie viele der gewonnenen Auszubildenden im ersten Jahr wieder gehen, und auf die Frage, was sie bis dahin erlebt haben.
Besetzen reicht nicht mehr
Ein unterschriebener Ausbildungsvertrag ist heute der Beginn einer sensiblen Phase, deren Ausgang offen bleibt. Aus der Ausbildungspraxis ist zu hören, dass bei einem Teil der Auszubildenden auch nach der Vertragsunterzeichnung die Suche nach Alternativen anhält. Das ist eine Praxisbeobachtung, keine Messung. Sicher ist: Der Vertrag schützt nicht automatisch vor einer vorzeitigen Lösung.
Der organisatorische Start ist in vielen Unternehmen gut vorbereitet: Begrüßung, Laptop, Zugänge, Einsatzplan, erste Schulungen. Das ist notwendig, beantwortet aber nicht die entscheidenden Fragen: Wie bewege ich mich in einer Fachabteilung? Wie frage ich richtig nach? Wie kommuniziere ich mit Kolleginnen und Kollegen, die ich nicht kenne? Wie werde ich Teil eines Jahrgangs statt nur Einzelperson im System? Diese Fragen entstehen nach dem ersten Tag. Genau dort entscheidet sich, ob Ausbildung funktioniert — oder ob die ersten Wochen vor allem Verwirrung erzeugen, die später mühsam aufgearbeitet werden muss.
Junge Menschen erwarten heute etwas anderes
Die Erwartungen junger Menschen haben sich verändert — weniger in Richtung Anspruchsdenken, mehr in Richtung Bewusstsein. Die Shell Jugendstudie 2024 hat danach gefragt, was jungen Menschen an einem Arbeitsplatz wichtig ist. Sicherheit steht mit 91 Prozent an erster Stelle, gute Aufstiegsmöglichkeiten nennen 80 Prozent. Und über 90 Prozent der Auszubildenden gehen davon aus, nach der Ausbildung übernommen zu werden.
Darin zeigt sich, dass viele junge Menschen bewusster fragen, worauf sie sich einlassen. Gleichzeitig erleben sie reale Verunsicherung: Dieselbe Studie zeigt spürbare Sorgen um wirtschaftliche und geopolitische Stabilität. Diese externen Belastungen beeinflussen, wie junge Menschen den Berufsstart erleben.
Diese Entwicklung lässt sich nicht zurückdrehen. Wer Ausbildung heute wirksam machen will, muss Erwartungen klarer kommunizieren und Orientierung aktiver schaffen als früher, wo der Markt junge Menschen zur Anpassung zwang.
Die Vertragslösungsquote weist auf eine Lücke hin
Ein Hinweis auf mögliche Folgen fehlender Orientierung ist eine Zahl, die viele Unternehmen noch nicht systematisch betrachten: die Vertragslösungsquote. Laut BIBB (Berufsbildungsbericht 2026) lag sie 2023 wie 2024 bei 29,7 Prozent — fast jeder dritte Ausbildungsvertrag wird vorzeitig gelöst. Ein neuer Rekord ist das nicht. Es ist eine Stagnation auf hohem Niveau, nachdem sie in den Jahren davor niedriger gelegen hatte.
Nach Einschätzung aus der Praxis fällt ein großer Teil der Vertragslösungen in die ersten Monate; belegt ist das hier nicht. Stimmt das, liegt der kritischste Moment ganz am Anfang, lange vor Prüfung und Übernahme. Unternehmen, die die frühen Wochen nur organisatorisch begleiten, sehen womöglich einen größeren Anteil ihrer Lösungen genau in diesem Zeitraum. Ob eine aktiv gestaltete Anfangsphase das Risiko senkt, lässt sich aus den Zahlen nicht ablesen. Es ist eine begründete Erwartung. Eine Vertragslösung ist dabei nicht mit einem endgültigen Ausbildungsabbruch gleichzusetzen: Ein erheblicher Teil der Betroffenen setzt die Ausbildung in anderer Form fort — für das ursprünglich ausbildende Unternehmen bleibt der Verlust an investierter Zeit trotzdem real.
Die Rolle der Ausbilder hat sich verändert
Ausbilderinnen und Ausbilder vermitteln nicht mehr nur Fachwissen. Sie sind Orientierungspersonen, Feedbackgeber, Übersetzer zwischen Schule und Arbeitswelt — oft die ersten Führungskräfte, die junge Menschen intensiv erleben. Wie stark die Beziehung zwischen Ausbilder und Azubi die Ausbildungsqualität prägt, misst dieser Text nicht. Es ist eine Annahme aus der Praxis.
Fachliche Kompetenz bleibt wichtig, reicht aber nicht mehr aus. Entscheidend wird, ob Ausbilder klar kommunizieren, Sicherheit geben und Entwicklungsgespräche führen können. Zugleich dürfen Unternehmen diese Verantwortung nicht allein auf einzelne Ausbilder abladen — gute Ausbildung braucht Struktur: klare Zuständigkeiten, Feedbackschleifen und gemeinsame Standards, die nicht von einzelnen Personen abhängen.
Für Unternehmen folgt daraus eine einfache Prüfaufgabe. Nach unserer Erfahrung benennen viele Häuser Ausbilder nach fachlicher Eignung. Ob jemand Gesprächsführung, Feedback und den Umgang mit Unsicherheit beherrscht, wird dabei selten gezielt entwickelt. Unterstützung an dieser Stelle ist deshalb keine Schwäche des Einzelnen. Sie ist eine Investition in die Qualität des gesamten Jahrgangs. Häuser, die ihre Ausbilder auf die Orientierungsrolle vorbereiten, entlasten zugleich die Fachbereiche, die sonst auffangen müssen, was am Anfang offen blieb.
Ausbildung braucht gemeinsame Grundlagen
Ein Jahrgang wird nicht automatisch zum Team, nur weil alle am gleichen Tag starten. Gerade in Unternehmen mit verschiedenen Einsatzorten, Fachabteilungen oder Filialen, etwa in Sparkassen, Volksbanken oder Industriebetrieben, braucht es eine gemeinsame Grundlage, die über fachliche Inhalte hinausgeht: Kommunikation, Zusammenarbeit, Auftreten, Eigenverantwortung. Fehlt sie, entstehen im Alltag wiederkehrende Rückfragen und Nachsteuerungsaufwand. Fachbereiche erklären mehrfach dieselben Grundlagen, Ausbildungsleitungen reagieren auf Probleme, statt Entwicklung aktiv zu gestalten.
Praktisch beginnt das mit drei Entscheidungen. Erstens wird der Start als Phase über mehrere Monate geplant, mit festen Terminen für Gespräche und Standortbestimmungen. Zweitens bekommt der Jahrgang früh gemeinsame Erlebnisse, in denen Kommunikation, Zusammenarbeit und Auftreten geübt und danach reflektiert werden. Drittens erhalten Ausbilder und Fachbereiche denselben Informationsstand: Was wurde mit den Auszubildenden vereinbart, was können sie schon, woran wird noch gearbeitet? Keine dieser Entscheidungen verlangt ein großes Budget. Alle drei verlangen, dass jemand den Anfang als eigenes Gestaltungsfeld versteht und Verantwortung dafür übernimmt.
Was Sie in Ihrem Haus prüfen sollten
Fünf Fragen zeigen, ob Ihre Ausbildung noch auf den alten Markt eingestellt ist.
- Aus welchem Jahr stammt Ihr Einführungskonzept für neue Auszubildende, und wer hat es zuletzt inhaltlich überarbeitet?
- Wissen Sie, in welchem Ausbildungsabschnitt Ihr Haus die meisten Auszubildenden verliert?
- Was erfährt ein Auszubildender in den ersten Wochen über Erwartungen, Ansprechpartner und nächste Schritte?
- Welche Formulare oder Berichte aus der Anfangszeit können Sie streichen, weil sie niemand auswertet?
- Wer im Haus könnte heute sagen, ob Ihre offenen Plätze ein Mengenproblem oder ein Passungsproblem sind?
Fazit
Ausbildung 2026 braucht andere Antworten als Ausbildung 2006 — nicht, weil früher alles falsch war, sondern weil sich Markt und Erwartungen verändert haben.
Wer Ausbildung heute wirksam gestalten will, plant die ersten Monate genauso bewusst wie den ersten Tag. Ein Willkommenspaket ist schnell gepackt; Orientierung und eine Grundlage, die im Alltag hält, brauchen Vorbereitung.
Die Unterscheidung, die aus diesem Text bleibt: Ein Mengenproblem löst die Bewerbergewinnung. Ein Passungsproblem löst nur die Ausbildung selbst. Wer unbesetzte Plätze und frühe Abgänge getrennt betrachtet, erkennt, welches von beiden sein Haus gerade hat.
Welche Ihrer Ausbildungsroutinen stammen noch aus einer anderen Marktlage — und haben Sie sie je bewusst auf ihre heutige Wirksamkeit hin geprüft?
Welche Annahme über Ausbildung, die in Ihrem Haus seit Jahren gilt, hat zuletzt jemand überprüft?
Ausführlich behandelt das unsere Fachstudie „Der Regimewechsel in der Ausbildung“. Wenn Sie wissen möchten, an welcher Stelle in Ihrem Haus Aufmerksamkeit verloren geht: rund 15-minütiger Rahmencheck, Tel. 02161-277 52 32.
Kurz gesagt
Der Ausbildungsmarkt hat sich gedreht. Unbesetzte Stellen und unversorgte Bewerber existieren nebeneinander, Betriebe und junge Menschen finden nicht mehr automatisch zusammen. Für Unternehmen heißt das: Der Vertragsabschluss ist der Beginn der Arbeit, Ob Auszubildende bleiben, hängt vermutlich stark von den ersten Monaten ab. Die Vertragslösungsquote lag laut BIBB zuletzt zwei Jahre in Folge bei 29,7 Prozent. Die Quote zählt gelöste Verträge, keine endgültigen Abbrüche. Der Verlust an investierter Zeit bleibt für den einzelnen Betrieb trotzdem real.
Häufige Fragen
Unternehmen konkurrieren stärker um passende Bewerberinnen und Bewerber. Gleichzeitig bestehen Passungsprobleme: freie Stellen und unversorgte junge Menschen existieren nebeneinander.
Nein. Sie braucht keine Sonderbehandlung, aber klare Erwartungen, verlässliche Orientierung und nachvollziehbare Perspektiven.
Weil hier Erwartungen, Zugehörigkeit und Umgang mit Unsicherheit geprägt werden. Frühe Irritationen können sich später verfestigen.
Den Start und die Übergänge prüfen: Was wird nur organisiert, und was wird tatsächlich für den Alltag aufgebaut?
Quellen & Weiterlesen
- Berufsbildungsbericht 2026 (BMBFSFJ, Datenbasis BIBB): Ausbildungsmarkt und Vertragslösungsquote 2024, bmbfsfj.bund.de
- Shell Jugendstudie 2024: Erwartungen und Sorgen junger Menschen