Stand: Oktober 2026 | Elvir Kajgana, Akademie Wicke
Wenn kein Ausbilder und niemand aus dem Unternehmen dabei ist, sprechen Auszubildende oft offener über ihre Ausbildung. In unseren Seminaren begleiten wir Jahrgänge über mehrere Tage und bekommen davon mit jedem Tag mehr mit. Was dort gesagt wird, findet keinen offiziellen Weg ins Unternehmen.
Das Bild, das Auszubildende von ihrem Betrieb haben, bleibt aber nicht im Seminar. Sie erzählen davon in der Berufsschule, im Freundeskreis, im Sportverein. Wer den Betrieb selbst nicht kennt, übernimmt oft die Meinung derer, die dort lernen, und eine einmal gefasste Meinung ist schwer wieder zu ändern. Deshalb lohnt es sich zu fragen, ob die eigenen Auszubildenden ihren Betrieb weiterempfehlen würden.
Warum Weiterempfehlung so viel aussagt
Einen Betrieb, den Auszubildende gern weiterempfehlen, merken wir im Seminar sofort an der Stimmung. Unter den Teilnehmenden sind Kinder von Mitarbeitern. Andere kennen jemanden, der ein, zwei oder drei Jahrgänge weiter ist, oder man kennt sich aus dem Sportverein. Man spürt Vertrauen und eine gute Zusammenarbeit.
Auszubildende erleben ihre Ausbildung im Alltag: in der Fachabteilung, im Gespräch mit dem Ausbilder, in Momenten der Unsicherheit. Sie merken, ob jemand Zeit für sie hat und ob Fehler besprochen oder nur kritisiert werden. Wer seinen Betrieb empfiehlt, erlebt seine Ausbildung vor allem als verlässlich.
Die härteste weiche Kennzahl
Die Empfehlungsquote beruht auf Wahrnehmung und gilt deshalb als weiche Kennzahl. Trotzdem sagt sie viel, weil sie ohne Umweg zeigt, wie Auszubildende ihre Ausbildung von innen erleben.
Sie ergänzt Vertragslösungsquote, Übernahmequote und Prüfungsergebnisse. Ein Jahrgang kann die Prüfung bestehen und sich trotzdem schlecht begleitet fühlen.
Was die Empfehlungsfrage misst – und was nicht
Die Frage misst die Bereitschaft, den Betrieb zu empfehlen. Daraus lässt sich ablesen, wie Auszubildende ihre Ausbildung erleben. Wie gut sie fachlich ausgebildet werden, zeigt diese Selbstauskunft nicht. Ein fordernder Fachbereich mit steiler Lernkurve kann bessere Fachkräfte hervorbringen als ein bequemer und trotzdem schlechter bewertet werden. Deshalb gehört neben die Empfehlungsquote immer der fachliche Blick.
Dazu kommen zwei Grenzen. Das Muster mit Promotoren und Kritikern stammt aus der Kundenbefragung und ist für die Ausbildung nicht wissenschaftlich geprüft. Es hilft beim Auswerten, ist aber kein Maßstab, an dem sich ein Betrieb messen lassen müsste. Außerdem lässt sich nicht seriös beziffern, wie viele Bewerbungen eine höhere Empfehlungsquote bringt. Ein Zusammenhang liegt nahe, ist aber nicht belegt.
Wie Unternehmen die Empfehlungsquote messen
Eine anonyme Frage reicht als Anfang: Wie wahrscheinlich ist es, dass Sie die Ausbildung bei uns weiterempfehlen, auf einer Skala von 0 bis 10? Dazu eine offene Folgefrage: Was müsste sich ändern, damit Sie eher empfehlen?
Nach dem Muster des Net Promoter Score gelten 9 und 10 als Promotoren, 7 und 8 als Passive, 0 bis 6 als Kritiker. Die Differenz zwischen Promotoren und Kritikern lässt sich über Jahrgänge und Standorte vergleichen.
Ohne Anonymität sagt die Zahl wenig. In unseren Seminaren fragen wir die Auszubildenden, was sie an sich verändern möchten. Sehr oft kommt: selbstbewusster werden, mehr auf andere zugehen, öfter die eigene Meinung sagen. Wem das schwerfällt, der sagt dem eigenen Ausbilder nicht ins Gesicht, dass er die Ausbildung nicht empfehlen würde.
Mit der Frage darf auch etwas wegfallen. Ein langer Zufriedenheitsbogen ist daneben nicht mehr nötig, und nicht jede einzelne Rückmeldung braucht eine Maßnahme. Die Arbeit beginnt erst, wenn sich ein Muster über mehrere Antworten wiederholt.
Was Unternehmen aus den Antworten lernen
Aufschlussreich wird die Auswertung erst durch die Begründungen. Wiederholen sich Themen wie unklare Ansprechpartner oder fehlende Einbindung, deutet das eher auf die Organisation der Ausbildung hin als auf einzelne Meinungen.
Was in solchen Begründungen steht, hören wir im Seminar oft direkt. Viele Auszubildende kommen mit Fragen auf unsere Seminarleiter zu, manche auch noch nach dem Seminar. Am häufigsten geht es darum, dass sie mit ihrem Ausbildungsbeauftragten oder mit den Menschen in der Fachabteilung nicht gut zurechtkommen. Fast ebenso oft fragen sie, wie der Umgang mit Feedback gelingt. Ärger entsteht dort, wo Wertschätzung fehlt, keine Rückmeldung kommt oder man sich als Belastung behandelt fühlt.
Der DGB-Ausbildungsreport 2024 zeigt, wie unterschiedlich das im Alltag aussieht. 45,1 Prozent der befragten Auszubildenden bekommen mindestens monatlich eine persönliche Rückmeldung, 12,8 Prozent nie. Auszubildende mit regelmäßigem Feedback bewerten die fachliche Qualität ihrer Ausbildung häufiger als gut. Das ist ein Zusammenhang, kein Wirkungsnachweis.
Für Entscheider lenkt eine schwache Empfehlungsquote den Blick auf Zuständigkeiten, auf die Zeit, die für die Ausbildung bleibt, und auf die Frage, ob Ausbilder für ihre Rolle Rückendeckung haben. An diesen Stellen kann ein Unternehmen etwas ändern.
Empfehlungsquote wirkt auch nach außen
Ausbildungsmarketing besteht nicht nur aus Kampagnen. Einige Ausbildungsbetriebe, gerade kleinere Häuser, bitten ihre Auszubildenden gezielt, die eigenen Netzwerke zu nutzen, wenn neue Azubis gesucht werden. Das funktioniert nur, wenn die Auszubildenden ihren Betrieb gern empfehlen.
Wie schwer es ohne diesen Weg werden kann, zeigt die DIHK-Ausbildungsumfrage 2025 mit 14.994 Unternehmensantworten. Sie betrachtet hier nur die Betriebe mit Besetzungsschwierigkeiten, nicht alle Ausbildungsbetriebe. Von diesen Betrieben erhielten 2024 32 Prozent keine einzige Bewerbung auf ihre Ausbildungsplätze, nach 35 Prozent 2023 und 37 Prozent 2022. Der Anteil sinkt, liegt aber noch bei fast jedem dritten dieser Betriebe.
Was das mit dem Ausbildungsstart zu tun hat
Wie jemand über seinen Betrieb denkt, bildet sich früh. Die ersten Wochen prägen, wie junge Menschen ihr Unternehmen bewerten: ob der Start organisiert und wertschätzend war und ob ein Gefühl von Zugehörigkeit entstanden ist. Fehlt diese Grundlage, lässt sie sich später nur mit viel mehr Aufwand nachholen.
An diesem Anfang setzen die Berufsstarterseminare der Akademie Wicke an, als Ergänzung zu dem, was im Haus schon besteht. Ein geplanter erster Monat, feste Ansprechpartner und ein früher Termin, an dem Fragen ausdrücklich erlaubt sind, kosten wenig und entscheiden mit darüber, wie ein Jahrgang später über das Haus spricht. Dabei arbeiten wir nicht nur mit den Auszubildenden. Mit Ausbildern und Ausbildungsbeauftragten geht es um ihre Rolle, mit Teams in den Fachbereichen darum, wie sie neue Kolleginnen und Kollegen aufnehmen.
Was Sie in Ihrem Haus prüfen sollten
- Würden Sie darauf wetten, wie Ihr aktueller Jahrgang die Empfehlungsfrage beantwortet?
- Gibt es eine anonyme Form, in der Auszubildende kritisch antworten können, ohne Folgen zu befürchten?
- Wer liest die Begründungen, und wer entscheidet, was daraus folgt?
- Welche bestehende Befragung können Sie streichen, sobald die Empfehlungsfrage regelmäßig läuft?
- Vergleichen Sie Jahrgänge, Berufe und Standorte miteinander oder nur den Gesamtwert?
Kurz gesagt
Ob Auszubildende ihren Betrieb weiterempfehlen würden und warum, sagt viel darüber, wie sie ihre Ausbildung erleben. Über die fachliche Ausbildung sagt die Antwort wenig, dafür braucht es die übrigen Kennzahlen. Wie knapp Bewerbungen sind, zeigt die DIHK-Ausbildungsumfrage 2025: Von den Betrieben mit Besetzungsschwierigkeiten erhielten 2024 32 Prozent keine einzige Bewerbung.
Wir erleben immer wieder, wie unterschiedlich junge Menschen ihre Ausbildung wahrnehmen. Es lohnt sich, genau hinzuhören.
Was erzählen Ihre Auszubildenden über Ihren Betrieb, wenn niemand aus dem Haus dabei ist?
Ausführlich behandelt das unsere Fachstudie „Der Regimewechsel in der Ausbildung“. Wenn Sie wissen möchten, an welcher Stelle in Ihrem Haus Aufmerksamkeit verloren geht: Orientierungsgespräch, rund 15 Minuten, Tel. 02161-277 52 32.
Häufige Fragen
Mit einer kurzen anonymen Frage auf einer Skala von 0 bis 10 und einer offenen Folgefrage: Was müsste sich verändern, damit Sie eher empfehlen?
Mindestens einmal jährlich; bei längeren Ausbildungen zusätzlich zu wichtigen Übergängen, etwa nach dem ersten Jahr.
Weil nur dann auch kritische Erfahrungen mit ausreichender Sicherheit geäußert werden.
Nein. Sie ist besonders aussagekräftig zusammen mit Verbleib, Vertragslösungen und den offenen Kommentaren.
Quellen & Weiterlesen
- DGB-Ausbildungsreport 2024: Übernahme-Unklarheit, Häufigkeit persönlicher Rückmeldung, dgb.de
- DIHK-Ausbildungsumfrage 2025 (14.994 Unternehmensantworten): Bewerbungslage, dihk.de
Weiterlesen: Wie junge Fachkräfte nach der Übernahme in ihrer Rolle ankommen, beschreibt das 100-Tage-Programm: Begleitung junger Fachkräfte nach der Übernahme.