Warum Auszubildende kündigen – und warum sie bleiben

Stand: Oktober 2026 | Elvir Kajgana, Akademie Wicke

In unseren Seminaren begleiten wir Auszubildende über mehrere Tage, im theoretischen und praktischen Teil und in der freien Zeit. Manchmal arbeitet jemand tagsüber mit wie alle anderen und verhält sich in der freien Zeit ganz anders. Passt das Verhalten nicht zur Situation, stimmt häufig etwas nicht. Das zu sehen braucht ein geschultes Auge.

Im Betrieb hat kaum jemand diesen doppelten Blick. Darum wirkt eine Kündigung dort oft wie ein plötzlicher Entschluss. Meist hat sie sich über Wochen gesammelt: fehlende Orientierung, wenig Rückmeldung, keine echte Aufgabe, keine erkennbare Perspektive. Lohnender als der Blick ins Austrittsgespräch ist deshalb der Blick auf die Wochen davor.

Statement-karte „auszubildende kündigen selten wegen eines einzigen schlechten tages", der abbruch beginnt vor der kündigung

Die häufigsten Gründe, warum Azubis kündigen

Aus der Ausbildungspraxis lassen sich die Gründe grob in drei Gruppen ordnen.

Die erste betrifft die Betreuung. Wissen Auszubildende nicht, wer ihr Ansprechpartner ist, oder bleiben ihre Fragen liegen, fehlt ihnen der Halt. Das kann einen frühen Abbruch begünstigen.

Die zweite betrifft Wertschätzung und Einbindung. Auszubildende, die sich nur als zusätzliche Arbeitskraft erleben, verlieren nach unserer Erfahrung schneller den Bezug zum Betrieb als jene mit echten Aufgaben und regelmäßiger Rückmeldung. Laut DGB-Ausbildungsreport 2024 sind ausbildungsfremde Tätigkeiten für 15,3 Prozent der Auszubildenden regelmäßig ein Thema. Das ist ein neuer Höchststand.

Datenkarte dgb-ausbildungsreport 2024: 15,3 prozent der auszubildenden erleben regelmäßig ausbildungsfremde tätigkeiten, ein neuer höchststand

Die dritte betrifft Überforderung und Passung. Manche stellen erst im Alltag fest, dass der Beruf nicht zu ihnen passt. Das lässt sich nie ganz vermeiden. Ein Teil dieser Fälle hat aber damit zu tun, dass Erwartungen vorher nie besprochen wurden und am Anfang niemand begleitet hat.

Wie sich ein Abbruch ankündigt

Die Zeichen sind meist unspektakulär. Rückfragen werden seltener. Pausen werden allein verbracht. Aufgaben werden erledigt, aber nicht mehr hinterfragt. Gespräche schrumpfen auf das Nötigste. Einzeln ist jedes Zeichen harmlos, über Wochen ergeben sie ein Bild.

Zeitstrahl mit 5 stationen vor der kündigung: fehlende orientierung, wenig rückmeldung, keine echte aufgabe, fehlende perspektive, kündigung als ergebnis

Dieses Bild hat selten eine Person ganz vor Augen. Der Ausbilder sieht den Betrieb, die Berufsschule den Unterricht, der Fachbereich die Rotation. Fehlt ein Ort, an dem diese Beobachtungen zusammenlaufen, bleibt jedes Zeichen eine Randnotiz.

Was viele Unternehmen unterschätzen: Der Zeitpunkt

Nach den Auswertungen des BIBB fällt seit Jahren der größte Teil der Vertragslösungen in das erste Ausbildungsjahr, ein erheblicher Teil schon in die Probezeit. Das dritte Lehrjahr und die Prüfungsphase spielen eine kleinere Rolle. Gerade in dieser Phase kann ein Betrieb besonders viel bewegen.

Viele Betriebe reagieren auf hohe Lösungsquoten mit besserer Bewerbergewinnung, also mit genauerer Auswahl und mehr Eignungstests. Das hilft bei der Frage, wer anfängt. Warum Menschen gehen, die eigentlich gut gepasst hätten, erklärt es nicht.

Für die Ausbildungsleitung lohnt ein Blick auf die eigene Verteilung. Häufen sich die Kündigungen am Anfang, liegt der Hebel in der Einführung und in den ersten Wochen. Verteilen sie sich über die ganze Ausbildung, verdient die Betreuung im Alltag den genaueren Blick.

Warum Azubis bleiben: Was wirklich zählt

Bei einem Seminar im vergangenen Jahr habe ich eine Auszubildende gefragt, was ihr in den ersten Monaten am meisten geholfen hat. Ich hatte mit einer Antwort über Aufgaben gerechnet oder über den Ausbilder. Sie sagte: „Dass ich wusste, wo ich mittags sitze.“

Der Satz klingt klein. Für mich steckt darin das Wichtigste am Anfang. Man braucht Menschen um sich, denen man vertrauen und auf die man zugehen kann. Das muss nicht der Ausbilder sein. Oft sind es andere Azubis. Ein solches Netz fängt Unsicherheit auf, die sonst jeder für sich behält.

Das Zweite ist Transparenz. Vertrauen wächst, wenn Auszubildende wissen, was auf sie zukommt, am Anfang, im nächsten Ausbildungsabschnitt und am Ende der Ausbildung.

Gerade beim Ende fehlt diese Klarheit oft. Zwei Befragungen zeigen das von zwei Seiten, auch wenn sie unterschiedliche Gruppen erfassen. In der Shell Jugendstudie 2024 sind sich 92 Prozent der Auszubildenden (sehr) sicher, nach der Ausbildung übernommen zu werden. Im DGB-Ausbildungsreport 2024 sagen 34,5 Prozent, dass sie im letzten Ausbildungsjahr noch nicht wussten, ob sie übernommen werden. 2022 waren es noch 45,3 Prozent.

Das Dritte sind echte Aufgaben. Auszubildende, die merken, dass sie besser werden, entwickeln eine Beziehung zu Beruf und Betrieb. Bei dauerhaft fachfremder Arbeit entsteht sie kaum.

Gegenüberstellung warum azubis gehen (schlechte betreuung, fehlende wertschätzung, fachfremde aufgaben, keine perspektive) und warum sie bleiben (ein netz aus vertrauten, wissen was kommt, echte aufgaben, klare perspektive)

Was das für die Praxis bedeutet

Fünf Handlungsfelder lassen sich ohne großen Aufwand stärken:

  • Erwartungen vor dem ersten Tag klären: was am Anfang kommt, wer Ansprechpartner ist, was danach folgt.
  • Die Einführung so anlegen, dass Beziehungen zum Jahrgang, zu den Ausbildern und zu den Fachbereichen entstehen.
  • Feedback auch ohne Anlass geben, in festen Abständen.
  • Ausbildungsfremde Aufgaben zurückfahren.
  • Früh sagen, wie es nach der Ausbildung weitergehen kann.

Keines davon verlangt ein eigenes Projekt. Erwartungsklärung ist ein Gespräch vor dem ersten Tag, Feedback ein fester Termin im Kalender. Es kommt auf die Verlässlichkeit an. Ein Gespräch, das stattfindet, hilft mehr als ein Konzept im Ordner.

Daran arbeiten wir mit Ausbildungsbetrieben, und zwar nicht nur mit den Auszubildenden. In unseren Berufsstarterseminaren geht es um den Anfang im Betrieb. Mit Ausbildern und Ausbildungsbeauftragten arbeiten wir an ihrer Rolle, mit Teams in den Fachbereichen daran, wie sie neue Kolleginnen und Kollegen aufnehmen. Wir ergänzen, was im Haus schon besteht, und ersetzen es nicht.

Wie viel Grundlagenarbeit offen ist, zeigt eine weitere Zahl aus dem DGB-Ausbildungsreport 2024. Dort geben 34,7 Prozent der befragten Auszubildenden an, keinen betrieblichen Ausbildungsplan zu haben. Der Wert beruht auf Selbstauskünften und misst das Erleben der Befragten. Ein Plan, den niemand kennt, gibt im Alltag aber auch keine Orientierung.

Was Sie in Ihrem Haus prüfen sollten

  • Wer führt in den ersten zwölf Wochen geplante Gespräche mit jedem Auszubildenden, und wie viele sind es?
  • Kennt jeder Auszubildende seinen Ansprechpartner, und weiß diese Person von ihrer Rolle?
  • Welche ausbildungsfremden Aufgaben können Sie Ihren Auszubildenden abnehmen, ohne dass Wichtiges liegen bleibt?
  • Wann erfahren Ihre Auszubildenden zum ersten Mal etwas Belastbares zur Übernahme?
  • Wo laufen Beobachtungen aus Betrieb, Berufsschule und Fachbereich zusammen, bevor daraus eine Kündigung wird?

Kurz gesagt

Der größte Teil der Vertragslösungen fällt ins erste Ausbildungsjahr. 34,5 Prozent der Auszubildenden wissen laut DGB-Ausbildungsreport 2024 im letzten Ausbildungsjahr noch nicht, ob sie übernommen werden. Solche Befragungen messen das Erleben der Auszubildenden, keine objektive Ausbildungsqualität.

Ein Passungsfehler lässt sich nie ganz vermeiden. Ob ein Auszubildender den Anschluss an seinen Betrieb verliert, können Ausbildungsleitung und Ausbilder dagegen aktiv beeinflussen.

Eine Frage für Ihr Haus: Woran würden Sie merken, dass ein Auszubildender innerlich schon gegangen ist?

Ausführlich behandelt das unsere Fachstudie „Vom Schüler zur beruflich handlungsfähigen Person“. Wenn Sie wissen möchten, an welcher Stelle in Ihrem Haus Aufmerksamkeit verloren geht: Rahmencheck, rund 15 Minuten, Tel. 02161-277 52 32.

Häufige Fragen

Warum kündigen Auszubildende häufig?

Häufig genannt werden schwache Betreuung, fehlende Wertschätzung, ausbildungsfremde Tätigkeiten, Passungsprobleme, unklare Erwartungen und fehlende Perspektiven.

Wann entstehen besonders viele Vertragslösungen?

Viele Lösungen konzentrieren sich auf die frühe Ausbildungsphase. Deshalb verdienen die ersten Wochen und Monate besondere Aufmerksamkeit.

Wie kann ein Unternehmen Kündigungen vorbeugen?

Durch realistische Erwartungsklärung, verlässliche Ansprechpartner, regelmäßiges Feedback, echte Aufgaben, Zugehörigkeit und früh sichtbare Perspektiven.

Ist bessere Bewerbergewinnung die wichtigste Lösung?

Nicht allein. Die Bewerbergewinnung entscheidet, wer startet. Bindung entscheidet, warum passende Menschen bleiben.

Quellen & Weiterlesen

  • DGB-Ausbildungsreport 2024: ausbildungsfremde Tätigkeiten, Übernahme-Unklarheit, betrieblicher Ausbildungsplan, dgb.de
  • Shell Jugendstudie 2024: Übernahme-Erwartung der Auszubildenden
  • BIBB-Datenreport zum Berufsbildungsbericht, Abschnitt vorzeitige Vertragslösungen: Zeitpunkt der Lösung (Probezeit, erstes Ausbildungsjahr), bibb.de
Autorenblock elvir kajgana, leiter der akademie wicke, mit der leserfrage, woran man merkt, dass ein auszubildender innerlich schon gegangen ist, und verweis auf die fachstudie „vom schüler zur beruflich handlungsfähigen person“

Elvir Kajgana

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