Stand: September 2026 · Elvir Kajgana, Leiter der Akademie Wicke
Im Sommer läuft eine Meldung durch die Fachpresse: Betriebe übernehmen weniger Auszubildende.
In der nächsten Planungsrunde steht dann die Frage im Raum, ob man die Zahl der Ausbildungsplätze für das kommende Jahr nicht besser reduziert.
Die Ausbildungsleitung hat dabei ihre eigene Liste im Kopf. Fast alle, die im Sommer fertig geworden sind, sind geblieben. Im Jahr davor war es ähnlich. Irgendetwas an der Schlagzeile passt nicht zu dem, was sie im eigenen Haus sieht.
Eine Quote hat immer zwei Seiten
Es passt tatsächlich nicht. Die Meldung beruht auf einer richtigen Zahl und einer falschen Deutung.
Eine Quote ist ein Bruch. Oben stehen die Übernommenen, unten alle, die ihre Ausbildung erfolgreich beendet haben. Ein Bruch wird kleiner, wenn oben etwas wegfällt. Er wird auch kleiner, wenn unten etwas hinzukommt. Von außen sieht beides gleich aus. Für den Betrieb ist es der Unterschied zwischen Zurückhaltung und Normalbetrieb.
Genau dieser Unterschied ist im vergangenen Jahr eingetreten.
Warum die falsche Lesart im Betrieb Geld kostet
Eine Zahl, die als Rückzug gelesen wird, erzeugt Rückzug.
Wer glaubt, die Branche übernehme weniger, plant weniger Plätze. Weniger Plätze bedeuten zwei Jahre später weniger Fachkräfte aus dem eigenen Haus, und die müssen dann extern gesucht werden. Das ist der teurere Weg, und er dauert länger.
Der zweite Schaden entsteht früher und ist leiser. Wenn im Fachbereich der Satz fällt, dass ohnehin weniger übernommen wird, hören ihn die Auszubildenden. Sie fragen ihre Ausbilder, und die Ausbilder haben keine Antwort, weil die Entscheidung bei ihnen nicht liegt. Wer im letzten Ausbildungsjahr nicht weiß, ob er bleiben kann, bewirbt sich woanders. Er tut es leise, und der Betrieb erfährt es an dem Tag, an dem er das Übernahmeangebot machen wollte.
Für Bereichsleitungen ist das der unangenehme Teil. Die Fachkraft, die im September fehlt, war im März noch im Haus.
Was das IAB tatsächlich gemessen hat
Die Übernahmequote lag 2025 bei 75 Prozent, nach einem Rekordwert von 79 Prozent im Jahr davor.
Die Zahl stammt aus dem IAB-Betriebspanel und wurde am 6. August 2026 veröffentlicht. Befragt werden dafür jedes Jahr rund 15.000 Betriebe aller Größen und Branchen. Das ist die belastbarste Quelle, die es zum betrieblichen Ausbildungsverhalten in Deutschland gibt.
Im selben Bericht steht der Satz, den die Schlagzeilen weggelassen haben. Der Rückgang der Quote beruht nicht auf einer geringeren Zahl an Übernahmen. Die absolute Zahl der Übernahmen ist 2025 sogar leicht gestiegen. Gesunken ist die Quote, weil im selben Jahr wieder mehr junge Menschen ihre Ausbildung erfolgreich abgeschlossen haben.
Der Nenner hat sich bewegt, nicht der Zähler.
Was die Zahl nicht sagt
Sie sagt nichts darüber, warum jemand nicht geblieben ist.
Das steht so im Bericht. Das IAB-Betriebspanel ermöglicht keine Aussage dazu, ob die nicht Übernommenen den Betrieb auf eigenen Wunsch verlassen haben oder kein Angebot bekommen haben. Wer aus dem fehlenden Viertel eine Absage des Betriebs macht, legt etwas in die Zahl hinein, was nicht darin steckt. Wer nicht bleibt, kann studieren gehen, umziehen, den Beruf wechseln oder ein besseres Angebot haben. Wie oft das zutrifft, sagt die Erhebung nicht.
Eine zweite Vorsicht: Es gibt eine ähnlich klingende Zahl, die etwas anderes zählt. Die DIHK-Umfrage vom Mai dieses Jahres berichtet, dass vier von fünf Betrieben mindestens drei Viertel ihrer Absolventinnen und Absolventen übernehmen. Das ist eine Betriebsquote. Sie zählt Häuser, nicht Menschen. Ein Betrieb mit einem Absolventen zählt dort so viel wie ein Konzern mit achtzig. Die beiden Zahlen ergänzen sich, aber sie lassen sich nicht ineinander umrechnen. Der DIHK ist außerdem Interessenvertretung, was die Daten nicht entwertet, aber dazugehört.
Der Mechanismus: Übernahme wird zu spät zur Frage
Im Alltag entscheidet der Kalender.
Die Erhebung zeigt einen deutlichen Zusammenhang zwischen Geschäftserwartung und Übernahmeverhalten. Betriebe, die für das Jahr ein steigendes Geschäftsvolumen erwarteten, übernahmen anteilig deutlich häufiger als Betriebe mit sinkender Erwartung. Das ist ein Zusammenhang, kein Beweis für eine Wirkung. Aber er beschreibt etwas, das jede Ausbildungsleitung kennt: Die Übernahmefrage wird in unsicheren Zeiten nach hinten geschoben.
Nach hinten geschoben heißt in der Praxis: Im Frühjahr weiß niemand etwas Verbindliches. Im Mai fragt der erste Auszubildende nach. Der Ausbilder sagt, dass er es nicht weiß, weil er es wirklich nicht weiß. Im Juni kommt die Freigabe aus dem Fachbereich. Im Juli wird das Angebot gemacht. Da hat ein Teil des Jahrgangs sich bereits anders orientiert.
Der zweite Mechanismus ist die Größe. In Kleinstbetrieben liegt die Übernahmequote deutlich niedriger als in Großbetrieben. Das ist selten eine Frage des Wollens. Ein Betrieb mit acht Beschäftigten hat oft schlicht keine Stelle frei, wenn der Ausgebildete fertig wird. Wer das weiß, kann es ansprechen, statt es auszusitzen. Ein ehrlich benanntes „wir haben nächstes Jahr keinen Platz, aber wir helfen bei der Suche“ kostet weniger als ein Schweigen bis Juli.
Was sich ändern lässt und was der Betrieb davon hat
Die Übernahmefrage bekommt einen festen Termin. Er steht vorher fest und hängt nicht daran, wann die Zahlen vorliegen. Dann können Ausbilder im Mai sagen, an welchem Tag entschieden wird, auch wenn die Entscheidung selbst noch aussteht.
Die Kriterien liegen vor dem letzten Ausbildungsjahr auf dem Tisch. Wer weiß, worauf es ankommt, kann daran arbeiten. Wer es nicht weiß, deutet jede Rückmeldung als Urteil über die Person.
Der Fachbereich sagt seinen Bedarf, bevor die Prüfung läuft. Das verschiebt eine Diskussion, die sonst im Juni unter Zeitdruck geführt wird, in den Herbst, wo sie hingehört.
Wer nicht bleibt, wird gefragt, warum. Ein kurzes Gespräch, fünf Minuten, kein Formular. Die Statistik liefert diesen Grund nicht, und niemand sonst liefert ihn. Nach zwei Jahrgängen sieht ein Haus, ob es ein Angebotsproblem hat oder ein Attraktivitätsproblem. Das sind zwei verschiedene Baustellen.
Was Sie in Ihrem Haus prüfen sollten
- Wie viele Ihrer Absolventinnen und Absolventen haben im letzten Jahrgang ein Angebot bekommen, und wie viele haben es angenommen? Zwei Zahlen, nicht eine.
- An welchem Datum wussten die Auszubildenden verbindlich, ob sie bleiben können?
- Welche Ihrer Fachbereiche melden ihren Bedarf regelmäßig zu spät, und woran liegt das?
- Welche Erhebung zur Ausbildungsqualität führen Sie derzeit, die Ihnen diese Frage nicht beantwortet? Die kann weg.
- Wenn Sie keinen Platz anbieten können: Wer sagt es, wann, und was bieten Sie stattdessen an?
Der Punkt
Eine Kennzahl setzt zwei Größen ins Verhältnis, und jede davon kann sich bewegen.
Wer den Rückgang der Übernahmequote für ein Signal zur Zurückhaltung hält, hat den Nenner übersehen. Übernommen wurde im vergangenen Jahr etwas mehr als im Jahr davor. Verändert hat sich die Bezugsgröße, weil wieder mehr junge Menschen fertig geworden sind. Das ist die bessere Nachricht von beiden.
Wer diesen Unterschied einmal gesehen hat, liest künftig jede Quote anders. Und er kann im eigenen Haus zwei Dinge auseinanderhalten, die vorher eine Zahl waren: ob jemand kein Angebot bekommen hat oder ob jemand ein Angebot ausgeschlagen hat. Das Erste ist eine Planungsfrage. Das Zweite ist eine Frage danach, wie die drei Jahre davor gelaufen sind.
Wissen Sie, welche der beiden es in Ihrem letzten Jahrgang war?
Woran sich entscheidet, ob junge Fachkräfte nach der Ausbildung im Haus ankommen, behandelt unsere Fachstudie „Der zweite Bruch“. Sie beschreibt den Übergang von der Ausbildung in die Fachkraftrolle als eigene Phase mit eigenen Anforderungen.
Wenn Sie prüfen möchten, wie der Übernahmeprozess in Ihrem Haus organisiert ist: Rahmencheck, rund 15 Minuten, Tel. 02161-277 52 32.
Kurz gesagt
Eine fallende Übernahmequote wird im Betrieb als Rückzugssignal gelesen und führt dazu, dass Plätze gestrichen und Entscheidungen verschoben werden. Beides trifft die eigene Fachkräftesicherung zwei Jahre später.
Die Quote sank 2025 auf 75 Prozent, nach 79 Prozent im Vorjahr. Die absolute Zahl der Übernahmen stieg im selben Jahr leicht; gesunken ist die Quote, weil mehr Auszubildende ihren Abschluss geschafft haben.
Die Erhebung sagt nicht, ob die nicht Übernommenen kein Angebot bekamen oder selbst gegangen sind. Diese Frage kann nur der eigene Betrieb beantworten.
Zur Methodik
Für alle, die die Zahlen einordnen wollen.
Die Werte stammen aus dem IAB-Kurzbericht 13/2026 von Bernd Fitzenberger, Ute Leber und Barbara Schwengler, erschienen am 6. August 2026. Datengrundlage ist das IAB-Betriebspanel, eine repräsentative Wiederholungsbefragung von rund 15.000 Betrieben, erhoben von Ende Juni bis Oktober. Die Stichprobe wird nach Betriebsgrößenklassen, Branchen und Bundesländern geschichtet und hochgerechnet.
Die Übernahmequote misst den Anteil der übernommenen Auszubildenden an allen erfolgreich beendeten Ausbildungen. Weitere Werte aus derselben Erhebung:
| Merkmal | Übernahmequote 2025 |
|---|---|
| Insgesamt | 75 % |
| Steigende Geschäftserwartung | 81 % |
| Sinkende Geschäftserwartung | 69 % |
| 1 bis 9 Beschäftigte | 55 % |
| 500 und mehr Beschäftigte | 88 % |
| Land- und Forstwirtschaft | 44 % |
| Verarbeitendes Gewerbe | 77 % |
| Öffentliche Verwaltung und Organisationen ohne Erwerbscharakter | 94 % |
Quelle: IAB-Betriebspanel 2025, IAB-Kurzbericht 13/2026.
Zum Nenner: Von 2015 bis 2024 war die Zahl der erfolgreichen Ausbildungsabschlüsse laut Berufsbildungsbericht 2026 kontinuierlich um 12,4 Prozent gesunken. 2025 stieg sie wieder. Im längeren Vergleich liegt die Übernahmequote weiterhin hoch: 2015 waren es 68 Prozent.
Der Bericht stellt Zusammenhänge zwischen Geschäftserwartungen und Ausbildungsverhalten dar, ohne sie als Ursache auszuweisen. Er enthält außerdem eine Erwartung für 2026, die hier nicht wiedergegeben wird, weil sie auf außenwirtschaftlichen Annahmen beruht und keine Messung ist.
Die DIHK-Ausbildungsumfrage 2026 befragte vom 11. bis 29. Mai 2026 online 14.058 IHK-Betriebe. Es ist keine Zufallsstichprobe. Sie zählt Betriebe, nicht Personen, und erfasst kein Handwerk, keine freien Berufe, keinen öffentlichen Dienst und keine Landwirtschaft.
Häufige Fragen
Sie lag bei 75 Prozent nach 79 Prozent im Jahr 2024 und 68 Prozent im Jahr 2015 (IAB-Kurzbericht 13/2026, IAB-Betriebspanel).
Nein. Die absolute Zahl der Übernahmen ist 2025 leicht gestiegen. Die Quote sank, weil zugleich mehr Auszubildende ihre Ausbildung erfolgreich beendet haben.
Das lässt sich aus der Erhebung nicht beantworten. Das IAB-Betriebspanel unterscheidet nicht, ob kein Angebot vorlag oder ob der Betrieb auf eigenen Wunsch verlassen wurde.
Betriebe mit 500 und mehr Beschäftigten übernahmen zu 88 Prozent, Betriebe mit bis zu neun Beschäftigten zu 55 Prozent.
Die DIHK-Umfrage zählt Betriebe, das IAB zählt Personen. Beide Werte beschreiben etwas anderes und dürfen nicht gegeneinander gerechnet werden.
Quellen & Weiterlesen
- Fitzenberger, Bernd; Leber, Ute; Schwengler, Barbara (2026): Die wirtschaftliche Schwäche hinterlässt deutliche Spuren auf dem Ausbildungsmarkt. Aktuelle Ergebnisse aus dem IAB-Betriebspanel. IAB-Kurzbericht 13/2026, Nürnberg, 06.08.2026. DOI 10.48720/IAB.KB.2613. https://doku.iab.de/kurzber/2026/kb2026-13.pdf
- DIHK (2026): Ausbildung 2026. Ergebnisse einer DIHK-Online-Unternehmensbefragung. Berlin, Stand Juli 2026.
- BMBFSFJ (2026): Berufsbildungsbericht 2026, Berlin (im IAB-Kurzbericht als Bezugsquelle für die Zahl der erfolgreichen Abschlüsse ausgewiesen).