Stand: November 2026 | Elvir Kajgana, Akademie Wicke
Die Abschlussprüfung ist bestanden, der Vertrag unterschrieben, die Übernahme steht in der Jahresbilanz der Ausbildung. Für die Personalabteilung ist der Jahrgang damit abgeschlossen. Ob die jungen Fachkräfte bleiben, zeigt sich aber erst in den Monaten danach.
Wie viele der Übernommenen sind nach 12, 24 oder 36 Monaten noch da, und warum? Wer diese Frage nicht stellt, kann eine hohe Übernahmequote ausweisen und trotzdem gute junge Fachkräfte verlieren, ohne es rechtzeitig zu merken.
Was die Übernahmequote misst
Laut IAB-Kurzbericht 13/2026 wurden 2025 bundesweit 75 Prozent der Auszubildenden mit erfolgreichem Abschluss von ihrem Ausbildungsbetrieb übernommen. 2024 lag die Quote bei 79 Prozent, dem höchsten Wert seit Beginn der Erhebung 2010. Gesunken ist sie 2025, weil mehr Auszubildende ihre Ausbildung erfolgreich abgeschlossen haben. Die Zahl der Übernahmen ist sogar leicht gestiegen.
Die Quote misst den Übergang in Beschäftigung. Ob jemand langfristig bleibt, misst sie nicht. Sie unterscheidet auch nicht, ob ein Betrieb kein Angebot gemacht hat oder ob die junge Fachkraft abgelehnt hat.
Wie stark der Arbeitsmarkt die Quote beeinflusst, zeigt der Bereich Erziehung und Unterricht. Dort stieg sie zwischen 2015 und 2024 um gut 36 Prozentpunkte, so stark wie in keiner anderen Branche. IAB-Direktor Bernd Fitzenberger ordnet das so ein: „Angesichts des sich verschärfenden Fachkräftemangels im Bereich Erziehung und Unterricht gehen Betriebe offenbar häufiger Kompromisse bei der Übernahme ihrer Absolvierenden ein.“ Eine hohe Übernahmequote kann also auch bedeuten, dass Personal dringend gebraucht wird.
Was nach 12, 24 und 36 Monaten sichtbar wird
Unternehmen sollten systematisch verfolgen, wie viele übernommene Auszubildende zu drei festen Stichtagen noch im Unternehmen sind. Nach 12 Monaten gibt der Verbleib einen ersten Hinweis, ob der Übergang gelungen ist. Nach 24 und 36 Monaten zeigt sich, ob die jungen Fachkräfte auch dann bleiben, wenn die ersten Angebote von außen kommen.
Gehen viele junge Fachkräfte im ersten Jahr wieder, kann das am Übergang liegen, an fehlender Perspektive oder an mangelnder Einbindung im Fachbereich.
Wer ist geblieben?
Eine hohe Verbleibquote allein sagt noch wenig. Entscheidend ist auch, ob gerade diejenigen bleiben, die sich fachlich und persönlich gut entwickeln und künftig Verantwortung übernehmen können. Gehen gerade sie nach kurzer Zeit, fehlen dem Unternehmen später die Menschen für Aufgaben mit mehr Verantwortung. Dann lohnt die Frage, was diese jungen Fachkräfte im Haus vermisst haben.
Was der Verlust nach der Übernahme kostet
Geht eine übernommene Fachkraft, verliert der Betrieb eine eingearbeitete Kraft, die das Haus, die Abläufe und die Kollegen kennt. Der Fachbereich beginnt von vorn. Er sucht neu, arbeitet neu ein und baut Wissen wieder auf, das schon im Haus war. Die externe Einstellung einer Fachkraft kostet laut BIBB im Durchschnitt rund 13.700 Euro.
Dazu kommt eine Folge, die man nicht sofort sieht. Der nächste Jahrgang bekommt mit, wer kurz nach der Übernahme wieder geht. Das kann sich in der Berufsschule und im Bekanntenkreis herumsprechen und die eigene Entscheidung beeinflussen.
Warum junge Fachkräfte nach der Übernahme gehen
Mögliche Gründe sind eine fehlende Entwicklungsperspektive, eine unklare Rolle nach der Übernahme, zu wenig Rückmeldung, wenig Gefühl, dazuzugehören, attraktive Angebote von außen oder Enttäuschung über den tatsächlichen Arbeitsalltag. Viele dieser Punkte bauen sich über die ganze Zeit der Einarbeitung auf.
Das erste Jahr nach der Übernahme ist eine Führungsaufgabe
Im ersten Jahr nach der Übernahme ist vor allem die Führungskraft gefragt. In der Ausbildung gab es feste Ansprechpartner, geplante Rückmeldungen und festgelegte Lernschritte. Mit der Übernahme kann diese Struktur von einem Tag auf den anderen enden. Aus dem Auszubildenden mit Begleitung wird dann ein Mitarbeitender, für den sich niemand mehr ausdrücklich zuständig fühlt. Die Rückmeldegespräche aus dem Ausbildungsplan entfallen, wenn niemand sie fortführt.
Fällt diese Begleitung mit dem Ende der Ausbildung weg, kann der Gedanke entstehen, sich anderswo umzusehen. Nach der Übernahme braucht die junge Fachkraft deshalb einen Einarbeitungsplan mit klaren Meilensteinen: was sie nach einem, nach drei und nach sechs Monaten kennen und können soll. Einarbeiten können auch erfahrene Kolleginnen und Kollegen im Fachbereich. Die Ausbildungsleitung gibt dem Fachbereich mit, was die junge Fachkraft schon kann und wo sie noch Unterstützung braucht. Die Führungskraft prüft zu festen Terminen, ob die Meilensteine erreicht sind. Wird ein Meilenstein verfehlt, hilft sie selbst oder sorgt dafür, dass jemand anderes hilft.
Was am Anfang der Ausbildung entsteht
Die Grundlage für das Bleiben entsteht schon am Anfang der Ausbildung. Beim Start erleben junge Menschen, wie ernst ein Unternehmen Ausbildung nimmt und ob sie dort jemand wirklich begleitet.
In unseren Seminaren sehen wir, was in den ersten Wochen zählt: Menschen um sich zu haben, denen man vertrauen und auf die man zugehen kann. Das muss nicht der Ausbilder sein, es können auch andere Azubis sein, ein Netzwerk, auf das man sich verlassen kann. Dazu kommt Transparenz. Wer weiß, was auf ihn zukommt, fasst Vertrauen.
Die Akademie Wicke arbeitet deshalb am Ausbildungsstart mit den Auszubildenden. Mit Ausbildern, Ausbildungsbeauftragten und Teams in den Fachbereichen arbeitet sie an Begleitung und Rückmeldung. Nach der Übernahme arbeitet sie mit den jungen Fachkräften in ihren ersten 100 Tagen. Das ergänzt die Strukturen, die im Haus bereits bestehen.
Was Unternehmen konkret messen sollten
Unternehmen sollten regelmäßig vier Fragen auswerten.
1. Wie viele wurden übernommen? Das zeigen die Eintritte und Übernahmen, die die Personalabteilung ohnehin führt.
2. Wie viele der Übernommenen sind zu den drei Stichtagen noch da? Dafür genügt ein Stichtag je Jahrgang und Jahr. Die Übernommenen müssen dafür in den Personaldaten als ehemalige Auszubildende erkennbar bleiben. Nach dem Wechsel in den Fachbereich erscheinen sie sonst nur noch als Mitarbeitende, ohne ihre Geschichte im Haus.
3. Wie haben sich die jungen Fachkräfte entwickelt? Die Führungskraft bewertet anhand der Meilensteine aus dem Einarbeitungsplan, wie sich die ehemaligen Auszubildenden fachlich und persönlich weiterentwickelt haben und wer zusätzliche Verantwortung übernimmt. Ein Vergleich mit denen, die gegangen sind, zeigt, ob das Unternehmen seine leistungsstarken Nachwuchskräfte langfristig halten kann.
4. Welche Gründe nennen diejenigen, die gehen? Ein kurzes Gespräch beim Abschied reicht, wenn die Antworten festgehalten und über die Jahrgänge verglichen werden.
Was Sie in Ihrem Haus prüfen sollten
- Wer pflegt die Verbleibübersicht, und wann liegt sie das nächste Mal auf dem Tisch?
- Wer ist im ersten Jahr nach der Übernahme namentlich für die junge Fachkraft zuständig?
- Wie sieht Ihr Einarbeitungsplan nach der Übernahme aus: Wann finden Erstgespräch, Feedbackgespräche, Zielvereinbarungsgespräch und Potenzialgespräch statt, und wer führt sie?
- Sehen Sie in Ihrer Personalplanung noch, wer bei Ihnen ausgebildet wurde? Wie viele ehemalige Auszubildende stehen Ihnen im Schnitt zwei bis fünf Jahre nach der Ausbildung zur Verfügung, und wie gut gelingt es, sie zu halten?
Kurz gesagt
2025 wurden bundesweit 75 Prozent der Auszubildenden mit erfolgreichem Abschluss von ihrem Betrieb übernommen (IAB-Kurzbericht 13/2026). Die Quote zeigt, wie viele den Übergang schaffen. Ob die jungen Fachkräfte bleiben und wer bleibt, zeigt erst der Verbleib nach 12, 24 und 36 Monaten.
Wer aus Ihrem zuletzt übernommenen Jahrgang würde bleiben, wenn morgen ein gutes Angebot von außen käme?
Ausführlich behandelt das unsere Fachstudie „Der zweite Bruch“; wenn Sie wissen möchten, wo in Ihrem Haus junge Fachkräfte nach der Übernahme verloren gehen: Orientierungsgespräch, rund 15 Minuten, Tel. 02161-277 52 32.
Häufige Fragen
Sie misst den Übergang in Beschäftigung. Über das Bleiben sagt sie nichts.
12, 24 und 36 Monate nach Übernahme liefern ein gutes Bild; für strategische Betrachtung zusätzlich 60 Monate.
Wer bleibt, wer geht, welche Leistungsträger betroffen sind und welche Gründe in Austritts- oder Entwicklungsgesprächen sichtbar werden.
Nicht erst bei der Übernahme. Die Grundlage dafür entsteht bereits während der Ausbildung und besonders an frühen Übergängen.
Quellen & Weiterlesen
- IAB-Kurzbericht 13/2026: Übernahmequote 2025, iab.de
- IAB-Kurzbericht 14/2025 (Fitzenberger, Leber, Schwengler): Übernahmequote 2024, iab.de
- BIBB aktuell 07/2025: Ergebnisse der Kosten-Nutzen-Erhebung, Kosten einer externen Einstellung, bibb.de
Weiterlesen: Wie junge Fachkräfte nach der Übernahme in ihrer Rolle ankommen, beschreibt das 100-Tage-Programm: Begleitung junger Fachkräfte nach der Übernahme.