Der Regimewechsel in der Ausbildung: Warum Betriebe ihre Azubis zwischen Abbruch und Übernahme verlieren

Von 100 Auszubildenden, die eine Ausbildung beginnen, kommen rechnerisch rund 56 als Fachkraft im Betrieb an. Der Verlust entsteht an zwei Stellen: 29,7 % der Verträge werden vorzeitig gelöst (BIBB, 2023), und von den Verbleibenden werden 79 % übernommen (IAB, 2024). Ausbildung trägt deshalb nicht mehr als Auswahlverfahren – sie muss als Entwicklungssystem geführt werden.

Stand: Juli 2026

Was hat sich am Ausbildungsmarkt verändert?

Der Markt hat sich gedreht: Wo früher der Betrieb aus vielen auswählte, entscheidet heute der junge Mensch – jeden Tag neu, ob er bleibt. Erfahrene Ausbilder fassen den Wandel oft in einem Satz zusammen: »Früher haben wir nur die Hälfte übernommen, und alle mussten sich anstrengen – heute sind wir froh über jede Bewerbung.«

Der Satz beschreibt keinen Stimmungswandel, sondern einen Systemwechsel. Die knappe Übernahme war früher selbst der Antrieb: Wer übernommen werden wollte, strengte sich drei Jahre lang an. Heute geben drei von vier Betrieben mit Besetzungsschwierigkeiten an, keine passenden Bewerber mehr zu finden (DIHK-Ausbildungsumfrage 2025) – und übernommen wird faktisch, wer bleibt. Der Anreiz, der die Ausbildung getragen hat, hat sich damit selbst abgeschafft.

Das ist kein Urteil über eine Generation. Große Metaanalysen finden nur kleine Unterschiede in den Arbeitswerten zwischen den Generationen; was wie ein Generationeneffekt wirkt, erklärt sich meist durch Alter und Berufsphase. Geändert hat sich nicht die Jugend, sondern der Markt. Der frühere Überschuss hat nur verdeckt, dass viele Betriebe nie ein Entwicklungssystem gebraucht haben – solange genug nachkamen, fiel es nicht auf.

„Geändert hat sich nicht die Jugend, sondern der Markt.“

Warum ist ein besetzter Ausbildungsplatz noch keine Fachkraft?

Weil zwischen dem besetzten Platz und der Fachkraft, die dem Betrieb erhalten bleibt, ein Weg liegt, auf dem Menschen verloren gehen. Solange Bewerber im Überfluss da waren, genügte eine Frage: Sind alle Ausbildungsplätze besetzt? Im Bewerbermarkt greift diese Zahl zu kurz.

„Recruiting besetzt den Start – Entwicklung sichert den Durchlauf.“

Ausbildung ist nach wie vor der wirtschaftlichste Weg, die eigene Fachkräftebasis zu sichern. Die Investition von rund 8.086 € netto je Ausbildungsjahr (BIBB) amortisiert sich aber erst über Abschluss und Übernahme. Bricht die Ausbildung vorher ab oder bleibt die Nachwuchskraft nach Abschluss nicht im Unternehmen, geht ein Teil der Investition verloren – und der Fachkräftebedarf muss häufig erneut über den externen Markt gedeckt werden, was im Schnitt noch einmal über 13.700 € kostet.

„Wer ausbildet und wieder verliert, zahlt doppelt.“

ausbildungsabbruch und uebernahme: modellhafte verlustrechnung, 56 von 100 azubis kommen als fachkraft an
Modellhafte Verlustrechnung: Von 100 Auszubildenden kommen rechnerisch rund 56 als Fachkraft im Betrieb an.
Quelle: Akademie Wicke auf Basis von BIBB (2023) und IAB-Kurzbericht 14/2025.
SchrittRechnungVerbleibenQuelle
100 Auszubildende starten100
− vorzeitige Vertragslösungen29,7 % von 100 ≈ 30rund 70BIBB, 2023
− nicht übernommen21 % von 70 ≈ 15rund 56IAB-Kurzbericht 14/2025
= abgeschlossen und übernommenrund 56 von 10056 %Modellrechnung
Ausdrücklich eine modellhafte Verlustrechnung, keine amtliche Kohortenstatistik: Sie verknüpft zwei Raten aus unterschiedlichen Grundgesamtheiten. Eine Vertragslösung ist zudem nicht gleich ein Abbruch; ein Teil sind Wechsel. Die Rechnung ist bewusst konservativ – wer nach der Übernahme wieder geht, ist darin nicht enthalten.

Die Modellrechnung macht einen Verlustpfad sichtbar, den viele Betriebe nicht als eigene Steuerungsgröße betrachten. Wie hoch der Verlust ausfällt, ist je nach Branche und Haus sehr verschieden – dass es diesen Pfad gibt, ist es nicht.

Wann droht der Ausbildungsabbruch – und wann kommt er wirklich?

Der Verlust hat einen Zeitpunkt: Nur rund ein Drittel der Vertragslösungen fällt in die Probezeit. Zwei Drittel passieren danach, wenn der Fall im Betrieb längst als entschieden gilt.

Die Probezeit gilt vielen als der kritische Filter. Genau dort, wo dieser formale Filter endet, beginnt aber der größere Teil des Risikos – und mit ihm die Frage, wer den jungen Menschen in dieser Zeit überhaupt noch begleitet.

Wer begleitet Auszubildende im Alltag wirklich?

Nach der Probezeit entscheidet sich Ausbildung nicht mehr im Auswahlprozess, sondern in Filiale, Werkstatt, Team, Schicht und Fachbereich. Der formale Ausbilder ist meist gut qualifiziert und über die AEVO geprüft. Im Fachbereich begleitet den Auszubildenden oder dual Studierenden Tag für Tag jedoch häufig ein anderer: der Ausbildungsbeauftragte, der Meister, die Gesellin, die Fachkraft.

Diese Personen leiten an, geben Feedback, lösen Konflikte – prägen also, ob ein junger Mensch bleiben will. Das Berufsbildungsgesetz verlangt für sie ausdrücklich keinen Nachweis pädagogischer Eignung (§ 28 Abs. 3 BBiG, anders als § 30 für den Ausbilder). Sie tragen die eigentliche Begleitung, meist zusätzlich zur vollen Fachaufgabe, ohne dafür Zeit, Mandat oder Training zu erhalten.

Dass diese Lücke unbemerkt bleibt, liegt an einer stabilen Fehlwahrnehmung. Fragt man Betriebe nach den Gründen für einen Abbruch, nennen sie überwiegend mangelnde Leistungsbereitschaft der Auszubildenden. Fragt man die Auszubildenden, nennen sie Kommunikation und Konflikte in der Begleitung (BIBB). Beide beschreiben denselben Bruch – und erklären ihn mit der jeweils anderen Seite.

Warum greifen Einzelmaßnahmen zu kurz?

Weil jede Einzelmaßnahme einen Übergang sichert und die anderen offen lässt – der Verlust entsteht aber über den gesamten Ausbildungsverlauf.

  • Strenger auswählen setzt Bewerber voraus, die es nicht mehr gibt – und verschärft die Knappheit, statt sie zu lösen.
  • Ein einzelnes Seminar entfaltet seine Wirkung nur dann nachhaltig, wenn der Transfer zurück in den Betriebsalltag bewusst mitgestaltet wird.
  • Die Begleitung dem Zufall überlassen macht Qualität zur Lotterie: Sie hängt davon ab, welchem Fachbereich und welcher Begleitperson ein junger Mensch zugeteilt wird – ohne dass diese Streuung irgendwo als Kennzahl sichtbar würde.

Was heißt „vom Auswählen zum Entwickeln“?

Wer nicht mehr auswählen kann, muss entwickeln – aber nicht überall zugleich. Der erste Schritt ist kein Programm, sondern eine Diagnose: An welcher Bruchstelle verliert dieser Betrieb tatsächlich Aufmerksamkeit, Wirkung oder Bindung? Erst danach folgt der passende Baustein.

„Diagnose vor Design.“

Was Unternehmen dadurch gewinnen:

  • Die Ausbildungsinvestition – im Schnitt 8.086 € netto je Azubi und Jahr (BIBB 2022/23) – amortisiert sich häufiger über Abschluss und Übernahme.
  • Wie viele Starter am Ende als Fachkraft bleiben, wird steuerbar – statt dem Zufall überlassen zu bleiben.
  • Ausbildungsqualität wird über Fachbereiche hinweg planbar und nicht mehr von der Zuteilung abhängig.
  • Ausbilder und Personalabteilung werden entlastet, weil klar ist, wann Hinschauen zählt.
  • Die Ausbildung wird intern belegbar: gesteuert, nicht gehofft.

Damit bleibt Ausbildung, was sie ökonomisch ist – der günstigste Weg zur eigenen Fachkraft. Aber nur in der vollständigen Rechnung: ausbilden, übernehmen, wirksam machen statt ausbilden und verlieren.

Welche vier Fragen sollte jedes Haus beantworten?

  1. Ausbildung ist eine Ihrer günstigsten Fachkräftequellen – wissen Sie, wie viele Ihrer Starter am Ende als Fachkraft im Betrieb ankommen und bleiben?
  2. Wo verlieren Sie Auszubildende und dual Studierende – in der Probezeit oder danach? Und an welcher Stelle genau?
  3. Wer begleitet Ihre Auszubildenden und dual Studierenden im Fachbereich täglich – ist diese Person dafür ausgestattet, und wie stark schwankt die Qualität zwischen Ihren Fachbereichen?
  4. Bekommen Sie die übernommen, die Sie übernehmen wollen – oder müssen Sie die nehmen, die noch da sind?

Können Sie zwei der vier Fragen nicht beantworten, ist genau das der Befund.

Diese Studie als Management Summary

„Der Regimewechsel in der Ausbildung“ · 6 Seiten · PDF

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Wo Sie tiefer einsteigen: die Studien-Landkarte

Die Akademie Wicke setzt nicht an der Auswahl an, sondern an den Bruchstellen danach. Der Ausbildungsverlauf hat zwei harte Kanten: den Übergang von der Schule in die Ausbildung und den Übergang von der Ausbildung in die feste Übernahme. Dazwischen liegen die Sollbruchstellen – die Probezeit, die Zeit danach, die Übernahmeentscheidung und das Ankommen in der Abteilung.

Bruchstelle / EntwicklungsfeldVertiefende FachstudieLeitfrage
1. Bruch: Schule → AusbildungVom Schüler zur beruflich handlungsfähigen PersonKommt der junge Mensch im Betrieb an – und übernimmt er Verantwortung für sich selbst?
Tägliche Begleitung im FachbereichDie stille FührungsrolleSind die Menschen, die täglich begleiten, für diese Rolle ausgestattet?
2. Bruch: Ausbildung → ÜbernahmeDer zweite BruchBekommen Sie die übernommen, die Sie übernehmen wollen – und kommen sie wirksam in der neuen Rolle an?
Team & ZugehörigkeitVertrauen ist der RauchWird der junge Mensch Teil eines tragfähigen Teams – oder bleibt Integration dem Zufall überlassen?

Ihr nächster Schritt

Ein 15-minütiger Rahmencheck. Kein Angebot, sondern eine Diagnose. Wir prüfen mit Ihnen, wo zwischen Start, Probezeit, Fachbereich, Team und Übernahme bei Ihnen Aufmerksamkeit, Wirkung oder Bindung verloren geht – und welcher erste Hebel dort wirkt.

Häufige Fragen

Wie viele Ausbildungsverträge werden vorzeitig gelöst?

2023 wurden bundesweit 158.000 Ausbildungsverträge vorzeitig gelöst, das entspricht einer Lösungsquote von 29,7 % nach 29,5 % im Vorjahr (BIBB). Eine Vertragslösung ist dabei nicht gleichbedeutend mit einem Ausbildungsabbruch – ein Teil sind Wechsel in einen anderen Betrieb oder Beruf.

Wann brechen die meisten Auszubildenden ab?

Nur rund ein Drittel der vorzeitigen Vertragslösungen fällt in die Probezeit. Zwei Drittel passieren danach – also in einer Phase, in der der Fall im Betrieb meist als entschieden gilt.

Wie hoch ist die Übernahmequote nach der Ausbildung?

Die Übernahmequote erreichte 2024 mit 79 % ein Rekordhoch, gegenüber 61 % im Jahr 2010. Der Anstieg hängt auch mit rückläufigen Absolventenzahlen zusammen (IAB-Kurzbericht 14/2025).

Was kostet ein Ausbildungsplatz ein Unternehmen?

Ein Ausbildungsplatz kostet Betriebe im Schnitt rund 8.086 € netto pro Jahr – also nach Abzug der produktiven Leistungen der Auszubildenden (BIBB 2022/23).

Warum reicht gutes Recruiting nicht mehr aus?

Weil Recruiting den Ausbildungsplatz besetzt, aber nicht darüber entscheidet, ob aus dem Starter eine Fachkraft wird, die im Betrieb bleibt. Der Verlust entsteht über den gesamten Ausbildungsverlauf – vor allem nach der Probezeit.

Quellen

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Elvir Kajgana

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