Die stille Führungsrolle: Warum Ausbildungsqualität im Fachbereich entschieden wird

Rund 40 % der Beschäftigten je ausbildendem Betrieb sind an der Ausbildung beteiligt – überwiegend neben ihrer eigentlichen Fachtätigkeit. Formal verantwortliche Ausbilder sind meist gut qualifiziert (§ 30 BBiG, AEVO). Die eigentliche Lücke liegt bei den Ausbildungsbeauftragten: § 28 Abs. 3 BBiG regelt ihre Mitwirkung ausdrücklich ohne Nachweis berufspädagogischer Eignung. Genau diese Personen haben im Alltag die höchste Kontaktdichte zu Auszubildenden.

Stand: Juli 2026

ausbildungsbeauftragte: rund 40 prozent der beschaeftigten sind an der ausbildung beteiligt
Die Kernaussage der Studie in einem Satz.

Wo entstehen die entscheidenden Ausbildungsprobleme wirklich?

Nicht im Fachwissen. Viele der entscheidenden Ausbildungsprobleme entstehen durch Reibung im Alltag zwischen Auszubildenden, Ausbildern und Ausbildungsbeauftragten. Die Beteiligten erleben dieselben Situationen unterschiedlich und schreiben die Ursache häufig der jeweils anderen Seite zu.

Einzelmaßnahmen greifen deshalb zu kurz. Wirkung entsteht erst, wenn Auszubildende sowie Ausbilder und Ausbildungsbeauftragte gezielt entwickelt und zugleich auf gemeinsame Erwartungen, Kommunikation und Verantwortung ausgerichtet werden.

Welche Rolle haben Ausbildungsbeauftragte im Betrieb?

Ausbildung ist in der Praxis arbeitsteilig. Rund 40 % der Beschäftigten je ausbildendem Betrieb sind an der Ausbildung beteiligt, überwiegend neben der eigentlichen Fachtätigkeit.

Formal verantwortliche Ausbilder sind meist gut qualifiziert – § 30 BBiG und die Ausbilder-Eignungsverordnung verlangen den Nachweis berufs- und arbeitspädagogischer Eignung. Die eigentliche Lücke liegt eine Ebene darunter: § 28 Abs. 3 BBiG bildet die rechtliche Grundlage für die Mitwirkung von Ausbildungsbeauftragten – ausdrücklich ohne diesen Nachweis.

Das ist keine betriebliche Nachlässigkeit, sondern gesetzlich so angelegt. Praktisch bedeutet es: Diejenigen mit der höchsten Kontaktdichte zu Auszubildenden übernehmen die Rolle oft ohne Auswahl, ohne Zeitbudget, ohne Vorbereitung und ohne Anerkennung.

ausbildungsbeauftragte und ausbildungsbegleitung: zentrale kennzahlen im ueberblick
Zentrale Kennzahlen zur Ausbildungsbegleitung.
Darstellung: Akademie Wicke auf Basis der genannten Quellen.

Welche Zahlen beschreiben die Lage?

Vier Befunde ordnen das Bild ein:

  • § 28 Abs. 3 BBiG regelt die Mitwirkung von Ausbildungsbeauftragten ohne Nachweis berufspädagogischer Eignung.
  • 2023 wurden 158.000 Ausbildungsverträge vorzeitig gelöst (29,7 %), nach 29,5 % im Vorjahr. Betrieb und Auszubildende schreiben die Ursache überwiegend der jeweils anderen Seite zu – die Akademie Wicke nennt dieses Muster Attributionsschere (Uhly & Neises, 2023, BIBB).
  • Die Übernahmequote erreichte 2024 mit 79 % ein Rekordhoch (2010: 61 %). Ein positiver Trend, der jedoch auch mit rückläufigen Absolventenzahlen zusammenhängt (IAB-Kurzbericht 14/2025).
  • Erwartungen von Vorgesetzten beeinflussen die tatsächliche Leistung von Mitarbeitenden – in Experimenten mit großer Effektstärke (d ≈ 0,81 über 13 Studien; Kierein & Gold, 2000), in natürlich entstandenen Situationen deutlich schwächer (Jussim & Harber, 2005).

Zur Einordnung: Die Lösungsquote zählt alle Ausbildungsverträge, die Übernahmequote nur die erfolgreichen Absolventen. Beide Werte beziehen sich auf unterschiedliche Grundgesamtheiten und lassen sich nicht miteinander verrechnen.

Eine Einordnung, die zur Redlichkeit gehört. Die große Zahl stammt aus Experimenten, in denen Führungskräften gezielt hohe Erwartungen über zufällig ausgewählte Personen vermittelt wurden – deshalb ist der Zusammenhang ursächlich, aber künstlich hergestellt. Zudem fällt der Effekt in militärischen Kontexten stärker aus als in Unternehmen. Wo Erwartungen natürlich entstehen, sind die Effekte kleiner (im Mittel etwa d ≈ 0,30), und ein Teil des Zusammenhangs erklärt sich schlicht damit, dass Einschätzungen zutreffen, statt sich selbst zu erfüllen.

Für die Ausbildung bleibt der Befund trotzdem belastbar – denn er ist genau dort am stärksten, wo es hier zählt: bei niedriger Ausgangsleistung und bei Personen, denen wenig zugetraut wird. Das beschreibt die Lage vieler Auszubildender im ersten Jahr ziemlich genau.

Was ist das Abhängigkeitsdreieck der Ausbildung?

Ausbildungsleitung, Ausbildungsbeauftragter und Auszubildender stehen in einem wechselseitigen Abhängigkeitsverhältnis:

  • Die Ausbildungsleitung braucht Fachbereiche, die Auszubildende übernehmen.
  • Ausbildungsbeauftragte übernehmen zusätzliche Verantwortung häufig ohne Zeitbudget, Vergütung oder Vorbereitung.
  • Auszubildende sind von Anleitung, Bewertung und Rufbildung abhängig.

Die typische Ausgangssituation ist ein Satz auf dem Flur: „Kannst du den Auszubildenden für die nächsten Monate übernehmen?“

abhaengigkeitsdreieck aus ausbildungsleitung, ausbildungsbeauftragten und auszubildenden
Das Abhängigkeitsdreieck der betrieblichen Ausbildung.
Eigene Darstellung, Akademie Wicke.

Warum verlassen Auszubildende einen Betrieb?

Selten wegen eines einzelnen Vorfalls. Häufiger entsteht eine Kette: nicht ernst genommen, ungerecht bewertet, vor anderen bloßgestellt, nicht ausreichend angeleitet, vorschnell abgestempelt, bei einer Übergabe negativ angekündigt, ein ungeklärter Konflikt – bis am Ende ein innerer Rückzug steht.

Betrieblich bleibt davon oft nur die Erklärung: „Der Auszubildende war nicht motiviert.“

Auch nach der Ausbildung entsteht Verlust: durch fehlende Übernahme, freiwilligen Weggang trotz Angebot, frühen Wechsel oder formalen Verbleib bei innerer Distanz. Die entscheidende Frage lautet: Was hat der Auszubildende während der Ausbildung über seinen Beruf, seine Führungskräfte und das Unternehmen gelernt?

Welche Muster zeigen sich im Fachbereich?

Ausbildungsbeauftragte, Meister und Fachkräfte, die im Alltag anleiten, lassen sich häufig einem von acht Archetypen zuordnen – ein Reflexionsmodell der Akademie Wicke, kein Persönlichkeitstest. Vier davon mit besonders hoher Wiedererkennung:

  • Talententwickler – erkennt und fördert Potenzial gezielt. „Ich sehe, was in dir steckt.“ Risiko: kann Favoriten bilden.
  • Unfreiwillig Beauftragter – Rolle ohne Abfrage der Bereitschaft zugewiesen. „Das hat man mir halt gesagt.“ Risiko: fehlende intrinsische Motivation.
  • Fachlicher Spezialist – exzellent fachlich, wenig pädagogischer Fokus. „Das ist doch logisch.“ Risiko: erklärt auf eigenem statt auf Lernniveau.
  • Autoritätsorientierter Praktiker – führt stark über Status, Erfahrung und klare Ansage. „Ich bin verantwortlich, also wird es so gemacht.“ Risiko: zu wenig Dialog, Distanz und fehlende Entwicklungssicherheit.

Warum greifen isolierte Maßnahmen zu kurz?

Weil sie jeweils nur eine Seite verändern. Wer nur Auszubildende trainiert, verändert nicht automatisch Führung, Erwartungen und Feedback im Fachbereich. Wer nur Ausbilder und Ausbildungsbeauftragte entwickelt, verändert nicht automatisch Selbstorganisation und Verantwortungsübernahme der Auszubildenden. Beide Seiten können dadurch in alte Muster zurückfallen.

Wie sieht eine gemeinsame Entwicklungsarchitektur aus?

Wirksame Ausbildungsqualität entsteht auf drei zusammengehörenden Ebenen:

EbeneEntwicklungsfelder
AuszubildendeAuftreten, Kommunikation, Selbstorganisation, Verantwortung, Feedbackfähigkeit, Konfliktklärung
Ausbilder und AusbildungsbeauftragteRollenklärung, Führung, Erwartungsklarheit, Entwicklungsfeedback, Konfliktkompetenz, situationsgerechte Begleitung
Gemeinsames SystemGemeinsame Sprache, klare Erwartungen, abgestimmte Verantwortung, strukturierte Übergaben, Feedbackschleifen, Transfer

Unternehmen gewinnen dadurch weniger Reibung zwischen Ausbildungsleitung, Fachbereichen und Auszubildenden, schnellere Selbstständigkeit der Auszubildenden, klarere Erwartungen und weniger Eskalationen, Entlastung der Ausbildungsleitung und bessere Voraussetzungen für Bindung und Übernahme. Für die Ebene der Ausbilder und Ausbildungsbeauftragten gibt es unser Ausbilderprogramm.

Sieben Fragen für Ihr Haus

  1. Wie werden Ausbildungsbeauftragte bei Ihnen ausgewählt?
  2. Können Mitarbeitende die Rolle auch ablehnen – wird das überhaupt gefragt?
  3. Welche Zeit steht für Ausbildungsbegleitung im Tagesgeschäft tatsächlich zur Verfügung?
  4. Wie unterschiedlich erleben Ihre Auszubildenden einzelne Fachbereiche?
  5. Wie werden Eindrücke über Auszubildende zwischen Fachbereichen weitergegeben?
  6. Wer entwickelt bei Ihnen sowohl Auszubildende als auch Ausbilder und Ausbildungsbeauftragte – oder nur eine Seite?
  7. Wo entstehen bei Ihnen derzeit die größten Reibungsverluste im Zusammenspiel?

Diese Studie als Management Summary

„Die stille Führungsrolle“ · 6 Seiten · PDF

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Diese Studie beschreibt die tägliche Begleitung im Fachbereich – die Ebene, auf der Ausbildungsqualität tatsächlich entsteht. Sie ist Teil einer Reihe, die den gesamten Weg vom Ausbildungsstart bis zur Übernahme untersucht.

Ihr nächster Schritt

Im Ausbildungsrealitäts-Check prüfen wir gemeinsam, wo in Ihrer Ausbildung derzeit die größten Reibungsverluste entstehen – bei den Auszubildenden, in den Fachbereichen oder im Zusammenspiel. Daraus leiten wir die relevanten Entwicklungsfelder und nächsten Schritte ab.

Häufige Fragen

Was ist ein Ausbildungsbeauftragter?

Ein Ausbildungsbeauftragter ist eine Fachkraft, die Auszubildende im Arbeitsalltag anleitet, ohne formal verantwortlicher Ausbilder zu sein. § 28 Abs. 3 BBiG bildet die rechtliche Grundlage für diese Mitwirkung – ausdrücklich ohne Nachweis berufspädagogischer Eignung.

Worin unterscheiden sich Ausbilder und Ausbildungsbeauftragte?

Der formal verantwortliche Ausbilder muss nach § 30 BBiG und AEVO berufs- und arbeitspädagogische Eignung nachweisen. Für Ausbildungsbeauftragte gilt diese Anforderung nicht, obwohl sie im Alltag oft die höchste Kontaktdichte zu Auszubildenden haben.

Wie hoch ist die Vertragslösungsquote in der Ausbildung?

2023 wurden 158.000 Ausbildungsverträge vorzeitig gelöst, das entspricht 29,7 % nach 29,5 % im Vorjahr (BIBB).

Wie hoch ist die Übernahmequote nach der Ausbildung?

Die Übernahmequote erreichte 2024 mit 79 % ein Rekordhoch, gegenüber 61 % im Jahr 2010. Der Anstieg hängt auch mit rückläufigen Absolventenzahlen zusammen (IAB-Kurzbericht 14/2025).

Warum reicht es nicht, nur die Auszubildenden zu schulen?

Weil Ausbildungsqualität im Zusammenspiel entsteht. Wer nur eine Seite entwickelt, verändert die Erwartungen, das Feedback und die Führung auf der anderen Seite nicht – beide fallen dadurch leicht in alte Muster zurück.

Quellen

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Elvir Kajgana

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