Vom Schüler zur beruflich handlungsfähigen Person: Warum fachliche Ausbildung allein nicht reicht

Ein Ausbildungsplatz kostet Betriebe im Schnitt rund 8.086 Euro netto pro Jahr (Wenzelmann et al., 2025). 2023 wurden bundesweit 158.000 Ausbildungsverträge vorzeitig gelöst, rund ein Drittel davon bereits in der Probezeit (BIBB, 2025). Die Ursachen liegen selten im Fachlichen: Selbstorganisation, Kommunikation und der Umgang mit Feedback entstehen vor dem Ausbildungsbeginn – und werden im Betrieb erstmals sichtbar. Die fachliche Ausbildung ist organisiert. Die Entwicklung beruflicher Handlungsfähigkeit bleibt häufig dem Zufall überlassen.

Stand: Juli 2026

berufliche handlungsfaehigkeit: die fachliche ausbildung ist organisiert, die entwicklung bleibt dem zufall ueberlassen
Die Kernaussage der Studie in einem Satz.

Warum beginnen die Probleme nicht am ersten Ausbildungstag?

Weil sie dort nur sichtbar werden. Mangelnde Selbstorganisation, Unsicherheit im Kundenkontakt, schwierige Kommunikation: Wesentliche Ursachen entstehen häufig bereits vor dem Ausbildungsbeginn. Im Betrieb treffen diese Ausgangslagen auf neue Anforderungen und werden dort erstmals deutlich sichtbar – genau dort kann gezielte Entwicklung ansetzen.

Das ist kein Urteil über eine Generation. Dieser Übergang muss unter den heutigen Ausgangsbedingungen aktiv gestaltet werden.

Was setzt der Betrieb ab dem ersten Tag voraus?

Vom ersten Ausbildungstag an erwartet der Betrieb Fähigkeiten, deren betriebliche Ausprägung in der Schule nur begrenzt erprobt und beurteilt werden kann: Pünktlichkeit und Verbindlichkeit, konzentriertes Arbeiten, angemessene Kommunikation, Zusammenarbeit im Team, professionelles Auftreten, Eigeninitiative, Verantwortungsübernahme und einen konstruktiven Umgang mit Feedback und Fehlern.

Das ist keine Zusatzliste. Es ist die praktische Übersetzung dessen, was das Berufsbildungsgesetz als „berufliche Handlungsfähigkeit“ definiert (§ 1 Abs. 3 BBiG).

Gleichzeitig zeigen aktuelle Erhebungen an mehreren Schulstufen jeweils relevante Anteile von Schülerinnen und Schülern, die zentrale Mindeststandards nicht sicher erreichen (Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen – IQB, 2022 und 2025). Und drei von vier Betrieben mit Besetzungsschwierigkeiten fanden 2025 keine geeigneten Bewerber:innen (DIHK, 2025).

Was kostet es, wenn diese Lücke offen bleibt?

Was am Anfang wie eine kleine Unsicherheit wirkt, kann sich ohne gezielte Entwicklung zu einem dauerhaften Verhaltens-, Beziehungs- und Bindungsproblem entwickeln. Die Kette ist im Alltag gut beobachtbar:

  • Fehlende Selbstorganisation → mehr Rückfragen → höhere Kontrolle → gebundene Fachzeit
  • Langsamere fachliche Entwicklung → Missverständnisse und Konflikte → Rückzug → Bindungsrisiken

Die betriebswirtschaftliche Seite ist real, nicht nur gefühlt: Ein Ausbildungsplatz kostet Betriebe im Schnitt rund 8.086 Euro netto pro Jahr (Wenzelmann et al., 2025). 2023 wurden bundesweit 158.000 Ausbildungsverträge vorzeitig gelöst – rund ein Drittel davon bereits in der Probezeit (BIBB, 2025). Zum Stichtag September 2025 blieben gleichzeitig 54.000 Ausbildungsstellen unbesetzt und 40.000 Bewerber:innen unversorgt – ein wachsendes Passungsproblem (Bundesagentur für Arbeit, 2025).

betriebswirtschaftliche ausgangslage der ausbildung: kosten je ausbildungsplatz und vorzeitige vertragsloesungen
Die betriebswirtschaftliche Ausgangslage der Ausbildung.
Quelle: Wenzelmann et al. (2025); BIBB (2025); Bundesagentur für Arbeit (2025). Darstellung: Akademie Wicke.

Unternehmen können die fachliche Ausbildung hervorragend organisieren und trotzdem an den persönlichen, sozialen und methodischen Voraussetzungen scheitern.

Warum schließt sich diese Lücke im Alltag nicht nebenbei?

Weil vier Bedingungen gleichzeitig zusammenkommen – und keine davon durch guten Willen aufgelöst wird:

  1. Schule und Betrieb haben unterschiedliche Aufgaben. Berufliche Situationen lassen sich in der Schule nur begrenzt unter realen Arbeitsbedingungen trainieren.
  2. Der Betrieb muss Fachausbildung und operatives Geschäft gewährleisten. Persönliche Entwicklung ist im Ausbildungsplan selten mit eigener Zeit hinterlegt.
  3. Ausbildungsbeauftragte übernehmen diese Aufgabe zusätzlich zu ihrer eigentlichen Tätigkeit. Es fehlen häufig Zeit, geschützter Raum und methodische Struktur.
  4. Viele Auszubildende können ihre Entwicklungsfelder zu Beginn noch nicht sicher einordnen. Ohne dieses Bewusstsein lassen sich daraus nur schwer eigenständig konkrete Schritte ableiten.

Die Lösung besteht deshalb nicht darin, die Entwicklungsarbeit zusätzlich auf ohnehin belastete Ausbildungsbeauftragte und Fachbereiche zu verlagern.

Welche drei Handlungsfelder sind entscheidend?

Was Auszubildende und dual Studierende neben dem Fachlichen entwickeln müssen, lässt sich in drei Feldern bündeln: Selbstführung, Zusammenarbeit und berufliche Wirksamkeit.

berufliche handlungsfaehigkeit in drei handlungsfeldern: selbstfuehrung, zusammenarbeit und berufliche wirksamkeit
Drei Handlungsfelder mit je fünf Entwicklungsthemen.
Darstellung: Akademie Wicke.

Warum genügt Wissen allein nicht?

Weil Wissen kein Verhalten verändert. Einzelne Gespräche können Entwicklung anstoßen. Dauerhafte Verhaltensänderung benötigt eine Kette aus Erleben → Feedback → Reflexion → Wiederholung → Transfer – Bedingungen, die sich im operativen Alltag häufig nicht zuverlässig sicherstellen lassen.

Genau an dieser Stelle entscheidet sich, ob aus einem Seminar eine Erinnerung wird oder eine Veränderung.

Wie sieht ein geschützter Entwicklungsraum konkret aus?

Die Azubi-Seminare der Akademie Wicke schaffen einen professionell strukturierten Entwicklungsraum außerhalb des operativen Drucks, in dem Auszubildende und dual Studierende die drei Handlungsfelder praktisch erleben, trainieren, reflektieren und in ihren Arbeitsalltag übertragen.

Im fünftägigen Basis-Seminar werden diese Fähigkeiten durch praktische Übungen, realitätsnahe Herausforderungen, unmittelbares Feedback, angeleitete Reflexion und wiederholte Anwendung über mehrere Etappen entwickelt – bis hin zu einer eigenen Abschlusspräsentation vor Vertreter:innen des Unternehmens. Modulare Formate setzen demgegenüber gezielte Schwerpunkte innerhalb der drei Handlungsfelder, je nach betrieblichem Bedarf.

Die Akademie Wicke ersetzt die betriebliche Ausbildung nicht. Sie übernimmt den Teil der Entwicklungsarbeit, für den im operativen Alltag häufig weder ausreichend Zeit noch ein geschützter, professionell strukturierter Rahmen vorhanden ist.

Das entlastet gezielt: Ausbilder:innen und Ausbildungsbeauftragte werden nicht aus ihrer Verantwortung entlassen, aber spürbar davon entlastet, diese komplexe Entwicklungsarbeit vollständig neben dem Tagesgeschäft strukturieren zu müssen. Fachbereiche erhalten Auszubildende zurück, die ihre Wirkung, Verantwortung und Rolle bewusster verstehen.

Woran erkennen Sie, dass es wirkt?

Entwicklung wird im Ausbildungsalltag konkret sichtbar:

  • Rückfragen werden früher und klarer formuliert.
  • Absprachen werden verbindlicher getroffen.
  • Feedback wird differenzierter aufgenommen und verarbeitet.
  • Verantwortung wird bewusster übernommen.
  • Die eigene Wirkung auf Kunden, Team und Unternehmen wird stärker reflektiert.
  • Auszubildende formulieren konkrete Umsetzungsschritte für den Betrieb.

Für den Betrieb entsteht daraus eine gemeinsame Sprache für Zusammenarbeit, Verantwortung und Feedback, weniger ungeplante Entwicklungsarbeit in den Fachbereichen und frühere Reflexion statt später Konfliktkorrektur.

Fazit

Der Übergang von der Schule in die Arbeitswelt bietet Ausbildungsbetrieben die Chance, junge Menschen frühzeitig zu verlässlichen, selbstständigen und wirksamen Mitarbeitenden zu entwickeln – vorausgesetzt, persönliche, soziale und methodische Fähigkeiten werden ebenso systematisch aufgebaut wie fachliches Wissen.

Diese Studie als Management Summary

„Vom Schüler zur beruflich handlungsfähigen Person“ · 5 Seiten · PDF

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Diese Studie beschreibt den ersten von zwei Brüchen im Ausbildungsverlauf: den Übergang von der Schule in den Betrieb. Sie ist Teil einer Reihe, die den gesamten Weg vom Ausbildungsstart bis zur Übernahme untersucht.

  • Übersicht: Der Regimewechsel in der Ausbildung
  • Begleitung im Fachbereich: Die stille Führungsrolle
  • Nach der Probezeit: Der zweite Bruch
  • Team und Zugehörigkeit: Vertrauen ist der Rauch

Ihr nächster Schritt

Prüfen Sie in einem unverbindlichen, rund 15-minütigen Analysegespräch, welche Entwicklungsfelder für Ihren aktuellen Ausbildungsjahrgang besonders relevant sind und welcher Entwicklungsrahmen dazu passt.

Häufige Fragen

Was bedeutet berufliche Handlungsfähigkeit?

Berufliche Handlungsfähigkeit ist das im Berufsbildungsgesetz (§ 1 Abs. 3 BBiG) verankerte Ziel der Ausbildung. Sie umfasst neben fachlichem Können auch persönliche, soziale und methodische Fähigkeiten: Selbstorganisation, Kommunikation, Verantwortungsübernahme und den Umgang mit Feedback.

Wie viele Ausbildungsverträge werden vorzeitig gelöst?

2023 wurden bundesweit 158.000 Ausbildungsverträge vorzeitig gelöst. Rund ein Drittel davon entfiel bereits auf die Probezeit (BIBB, 2025).

Was kostet ein Ausbildungsplatz ein Unternehmen?

Ein Ausbildungsplatz kostet Betriebe im Schnitt rund 8.086 Euro netto pro Jahr (Wenzelmann et al., 2025). Nettokosten bedeutet: nach Abzug der produktiven Leistungen der Auszubildenden.

Warum reicht fachliche Ausbildung nicht aus?

Weil die häufigsten Reibungen im Ausbildungsalltag nicht fachlicher Natur sind. Fehlende Selbstorganisation bindet Fachzeit, unklare Kommunikation erzeugt Konflikte, und beides zusammen führt zu Rückzug und Bindungsrisiken – unabhängig davon, wie gut die Fachausbildung organisiert ist.

Kann der Betrieb diese Entwicklung selbst leisten?

Teilweise. Es fehlen im Regelfall aber Zeit im Ausbildungsplan, ein geschützter Raum außerhalb des operativen Drucks und methodische Struktur. Ausbildungsbeauftragte übernehmen die Aufgabe zusätzlich zu ihrer eigentlichen Tätigkeit.

Quellen

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Elvir Kajgana

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