Ende Juli hat die Bundesagentur für Arbeit zwei Zahlen veröffentlicht, die im selben Absatz stehen und sich auf den ersten Blick widersprechen. 162.000 Ausbildungsstellen waren zu diesem Zeitpunkt unbesetzt. 147.000 gemeldete Bewerberinnen und Bewerber hatten weder eine Ausbildungsstelle noch eine Alternative gefunden.
Stand: August 2026

Quelle: Bundesagentur für Arbeit, Presseinfo Nr. 30 vom 31.07.2026.
Wer daraus schließt, es fehle an Ausbildungsplätzen oder an ausbildungsinteressierten jungen Menschen, liest die Daten zu schnell. Die Lücke liegt woanders — und ein Teil davon lässt sich im Betrieb bearbeiten.
Was die Zahlen tatsächlich zeigen
Der Ausbildungsmarkt 2026 verändert sich vor allem auf der Angebotsseite. Seit Oktober 2025 haben sich laut Bundesagentur für Arbeit 418.000 Bewerberinnen und Bewerber gemeldet, 4.000 mehr als im Vorjahr. Die Zahl der gemeldeten Ausbildungsstellen lag im Juli 2026 bei 437.000 — 35.000 weniger als ein Jahr zuvor.
Die Nachfrage ist also leicht gestiegen, das gemeldete Angebot deutlich gesunken. In den Jahren davor war das Verhältnis umgekehrt.

Quelle: Bundesagentur für Arbeit, Juli 2025 und Juli 2026.
Die amtliche Berufsbildungsstatistik bestätigt die Richtung. Nach den endgültigen Ergebnissen des Statistischen Bundesamtes vom 6. August 2026 begannen 2025 bundesweit 461.900 Menschen eine duale Berufsausbildung, 2,8 Prozent weniger als im Vorjahr. 2024 lag der Rückgang noch bei 1,0 Prozent. Die Kurve wird steiler.
Ein Hinweis zur Einordnung, bevor jemand die Zahlen nebeneinanderlegt: Die BA erfasst nur gemeldete Stellen und gemeldete Bewerber, das Statistische Bundesamt zählt abgeschlossene Verträge nach Berufsbildungsgesetz, das BIBB rechnet mit einer dritten Abgrenzung. Die Größenordnungen stimmen überein, die Einzelwerte nicht. Wer sie mischt, produziert Scheingenauigkeit.
Warum Betriebe weniger Plätze anbieten
Betriebe kürzen ihr Ausbildungsangebot vor allem wegen ausbleibender geeigneter Bewerbungen und schlechter Erfahrungen mit früheren Jahrgängen — die Konjunktur erklärt den Rückgang nur zum Teil. Das zeigt die DIHK-Ausbildungsumfrage 2026, für die zwischen dem 11. und 29. Mai 2026 insgesamt 14.058 Unternehmen befragt wurden. 29 Prozent bieten in diesem Jahr weniger Ausbildungsplätze an als im Vorjahr, 13 Prozent mehr, 58 Prozent gleich viele.
Naheliegend wäre die Erklärung Konjunktur. Sie erklärt einen Teil: Der Ausbildungssaldo der Betriebe liegt bei minus 16 Prozentpunkten, der Beschäftigungssaldo bei minus 14 — beide Werte haben sich gegenüber dem Vorjahr um je fünf Punkte verschlechtert, sie bewegen sich also parallel.
Interessanter ist die Abweichung. Auch Betriebe mit positiven Geschäftserwartungen weisen einen Ausbildungssaldo von minus 11 Prozentpunkten aus. Betriebe, die für das kommende Jahr mit guten Zahlen rechnen, bilden trotzdem weniger aus. Die wirtschaftliche Lage erklärt den Rückgang demnach nur teilweise.
Bei den Betrieben, die ihr Angebot reduzieren, nennen 23 Prozent zu wenige geeignete Bewerbungen und 18 Prozent schlechte Erfahrungen mit Auszubildenden. Bei Betrieben, die trotz Ausbildungsberechtigung gar nicht mehr ausbilden, sind es 37 und 27 Prozent — die beiden häufigsten Gründe überhaupt.
Das ist die eigentliche Nachricht dieser Umfrage. Betriebe steigen nicht aus der Ausbildung aus, weil ihnen das System zu teuer oder zu bürokratisch wäre: Institutionelle Rahmenbedingungen nennen 9 Prozent derjenigen, die ihr Angebot kürzen, und 15 Prozent derjenigen, die gar nicht mehr ausbilden. Sie steigen aus, weil die letzten Durchgänge nicht funktioniert haben.
Warum die Stellen trotzdem unbesetzt bleiben
Obwohl weniger Plätze angeboten werden, bleiben die Besetzungsprobleme auf Rekordniveau. 49 Prozent der befragten Betriebe konnten 2025 nicht alle Ausbildungsplätze besetzen. 2015 waren es 31 Prozent. Seit 2022 hält sich der Wert auf einem Plateau um 49 Prozent.
Bei Kleinstbetrieben unter zehn Beschäftigten hat sich der Anteil seit 2018 von 20 auf 47 Prozent mehr als verdoppelt. Für einen Betrieb mit einer einzigen Ausbildungsstelle bedeutet eine Nichtbesetzung eine Quote von 100 Prozent — und im Zweifel den Ausstieg aus der Ausbildung insgesamt.

Quelle: DIHK-Ausbildungsumfrage 2026.
Die Gründe verschieben sich. Fehlende Bewerbungen werden seltener genannt: 24 Prozent der Betriebe mit Besetzungsschwierigkeiten, gegenüber 37 Prozent im Jahr 2022. Fehlende geeignete Bewerbungen bleiben mit 65 Prozent das mit Abstand größte Hindernis. Neu ist ein anderer Wert: 17 Prozent der Betriebe mit Besetzungsschwierigkeiten konnten eine Stelle nicht besetzen, weil Auszubildende innerhalb der Probezeit gekündigt haben. 2024 waren es 10 Prozent.
Eine Ausbildungsstelle, die im September durch eine Vertragslösung frei wird, lässt sich praktisch nicht mehr nachbesetzen. Sie ist für den ganzen Jahrgang verloren.
Die DIHK ordnet das unter drei Passungsprobleme ein: regional, wenn Suchende und Stellen in verschiedenen Gegenden liegen; beruflich, wenn sich die Nachfrage auf wenige Berufe konzentriert; qualifikatorisch, wenn Anforderungen und mitgebrachte Voraussetzungen auseinandergehen. Die Zuordnung stammt von der DIHK und ist eine Interpretation, keine Messung — aber sie beschreibt die Lage brauchbar.
Was die jungen Menschen sagen
Am Interesse der jungen Menschen liegt es nicht — es fehlt an Orientierung und an Zuversicht. Die Bertelsmann Stiftung hat zwischen dem 11. März und dem 20. April 2026 insgesamt 1.763 junge Menschen zwischen 14 und 25 Jahren befragt, ergänzt um eine Zusatzstichprobe von 1.325 Auszubildenden. Die Ergebnisse erschienen am 13. Juli 2026.
88 Prozent halten die Berufsausbildung für eine gute Basis der beruflichen Karriere. 32 Prozent der befragten Schülerinnen und Schüler wollen auf jeden Fall direkt nach der Schule eine Ausbildung beginnen, weitere 44 Prozent halten es für möglich. Von einem Desinteresse an Ausbildung kann keine Rede sein.
Zwei andere Befunde sind für Betriebe interessanter.
Erstens die Orientierung: Über 80 Prozent halten das Informationsangebot für ausreichend, aber mehr als die Hälfte findet sich in der Fülle nicht zurecht. Weniger als ein Drittel fühlt sich gut zur Berufswahl informiert. Das Problem ist nicht die Menge an Information, sondern die Übersetzung in eine Entscheidung.
Zweitens die Zuversicht: Je niedriger das formale Schulbildungsniveau, desto pessimistischer die Einschätzung der eigenen Chancen. Bei niedrigem Schulbildungsniveau hält mehr als ein Drittel die eigenen Aussichten für eher schlecht. Nur zwei von fünf sind zuversichtlich. Wer nicht damit rechnet, genommen zu werden, bewirbt sich seltener — und taucht in der Betriebsstatistik dann als „keine Bewerbung“ auf.
Und wenn sie sich entscheiden, dann so: Das mit Abstand wichtigste Kriterium bei der Wahl des Ausbildungsbetriebs war laut derselben Befragung das Betriebsklima, gefolgt von der Erreichbarkeit und den Übernahmeaussichten. Nicht die Ausstattung. Nicht die Kampagne.
Was das für die Planung 2027 bedeutet
Über den demografischen Trend, die Berufsschulstruktur und den Wohnungsmarkt entscheidet kein einzelner Betrieb. Über vier Punkte schon.

Zuordnung: Akademie Wicke, abgeleitet aus DIHK-Ausbildungsumfrage 2026 und Bertelsmann-Befragung 2026.
Das Anforderungsprofil. 65 Prozent der Betriebe mit Besetzungsschwierigkeiten nennen fehlende geeignete Bewerbungen. Ein Teil davon ist ein reales Kompetenzproblem. Ein Teil ist ein Profil, das nie überprüft wurde. Die nüchterne Frage lautet: Welche Anforderung im Ausschreibungstext ist tatsächlich Voraussetzung für den ersten Ausbildungstag — und welche beschreibt das Ergebnis der Ausbildung? Wer den Endzustand in die Eingangsanforderung schreibt, sortiert Menschen aus, die er ausbilden könnte.
Der Kontakt vor der Bewerbung. Praktika, Betriebsbesichtigungen und persönliche Gespräche sind laut Bertelsmann-Befragung die wichtigsten Orientierungsformate. Der wirksamste Hebel gegen berufliche Passungsprobleme liegt damit ein bis zwei Jahre vor dem Bewerbungsschluss — und er kostet vor allem Zeit von Menschen, die den Beruf können.
Die Rolle der eigenen Auszubildenden. Neun von zehn Auszubildenden sind mit ihrer Ausbildung zufrieden. Das ist die glaubwürdigste Auskunftsquelle, die ein Betrieb hat, und in den meisten Häusern die am wenigsten genutzte. Ein Auszubildender im zweiten Lehrjahr, der in einer Schulklasse erzählt, wie seine ersten Wochen wirklich waren, wirkt anders als jedes Hochglanzformat.
Die Probezeit. Der Anstieg von 10 auf 17 Prozent bei Vertragslösungen als Besetzungshindernis ist der schnellste Wert in dieser Umfrage. Wer im Herbst besetzt hat, hat noch nicht gewonnen. Was in den ersten Wochen passiert, entscheidet über die Bilanz des Jahrgangs.
Der Punkt
Der Ausbildungsmarkt 2026 ist enger geworden, und er ist unübersichtlicher geworden. Die Zahlen der Bundesagentur für Arbeit, des Statistischen Bundesamtes, der DIHK und der Bertelsmann Stiftung zeigen aus vier verschiedenen Richtungen dasselbe Bild: Es fehlt weniger an Interesse und weniger an Plätzen als daran, dass beide zueinanderfinden.
Ein Betrieb kann die Demografie nicht ändern. Er kann sein Anforderungsprofil überprüfen, früher in Kontakt gehen, seine Auszubildenden sprechen lassen und die ersten Wochen ernst nehmen. Das sind vier Entscheidungen, die im September getroffen werden — nicht im Mai, wenn die Bewerbungsfristen laufen.
Für den nächsten Jahrgang ist es dafür jetzt genau richtig.
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Häufige Fragen
Die Bundesagentur für Arbeit weist für Juli 2026 162.000 unbesetzte Ausbildungsstellen aus, bei insgesamt 437.000 gemeldeten Stellen.
Laut DIHK-Ausbildungsumfrage 2026 nennen 65 Prozent der Betriebe mit Besetzungsschwierigkeiten fehlende geeignete Bewerbungen, 24 Prozent gar keine Bewerbungen. Die DIHK spricht von regionalen, beruflichen und qualifikatorischen Passungsproblemen.
Ja. 29 Prozent der von der DIHK befragten Betriebe bieten weniger Plätze an als im Vorjahr, 13 Prozent mehr. Der Rückgang zeigt sich auch bei Betrieben mit positiven Geschäftserwartungen.
Ja. 88 Prozent der von der Bertelsmann Stiftung 2026 Befragten sehen in der Ausbildung eine gute Basis für die Karriere; 76 Prozent der Schülerinnen und Schüler ziehen sie in Betracht.
Quellen & Weiterlesen
- Bundesagentur für Arbeit (2026): Arbeitsmarkt im Juli 2026, Presseinfo Nr. 30, 31.07.2026.
- Statistisches Bundesamt (2026): Duale Berufsausbildung 2025 — endgültige Ergebnisse. Pressemitteilung Nr. 275, 06.08.2026.
- DIHK (2026): DIHK-Ausbildungsumfrage 2026. Ergebnisse einer DIHK-Online-Unternehmensbefragung, Stand Juli 2026.
- Johanning, N. / Renk, H. / Schaffer, F. (2026): Ausbildungsperspektiven 2026. Eine repräsentative Befragung von jungen Menschen — Schwerpunkt Auszubildende. Bertelsmann Stiftung, Gütersloh. DOI 10.11586/2026062
