53 Prozent der Auszubildenden geben an, künstliche Intelligenz erkläre Ausbildungsthemen „öfter“ oder „manchmal“ besser als ihr Ausbilder. 74 Prozent sehen KI sogar den Berufsschullehrern überlegen. Das ist eine Schlagzeile, die sich gut verkauft – und die trotzdem die falsche Frage stellt.
Stand: Juli 2026
Ein Ausbildungsverantwortlicher hat mir kürzlich erzählt, ein Azubi habe ihm nach einer Erklärung im Betrieb gesagt: „ChatGPT hat das eben klarer gemacht.“ Kein Vorwurf, eher eine Feststellung.
Wer aus den 53 Prozent liest, KI mache Ausbilder überflüssig, hat weder die Studie noch das eigentliche Problem verstanden. Das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) hat parallel dazu seinen Datenreport 2026 vorgelegt, mit einem kompletten Schwerpunktkapitel zu künstlicher Intelligenz in der Berufsbildung. Beide Quellen zusammen zeigen ein deutlich präziseres Bild.
Warum das Thema für Entscheider jetzt relevant ist
Für Vorstände und HR-Leitungen ist die Frage nicht akademisch. Wenn Auszubildende KI-Tools als gleichwertige oder bessere Erklärquelle wahrnehmen, betrifft das direkt die Investition in Ausbildungspersonal, die Qualität der betrieblichen Lernbegleitung und die Frage, wie ein Unternehmen KI-Kompetenz aufbaut, bevor sie ihm von außen aufgezwungen wird.
Die zweite Zahl aus derselben Befragung macht das konkret: 85 Prozent der Azubis schätzen ihre eigenen KI-Kompetenzen als „fit“ ein – aber nur 15 Prozent haben tatsächlich eine KI-Weiterbildung absolviert. Und 49 Prozent der Betriebe bieten gar keine KI-Lernprogramme an. Das ist kein Technologieproblem. Das ist ein Führungs- und Qualifizierungsthema.

Quelle: BIBB-Datenreport 2026 (BIBB/BAuA-ETB; DiWaBe 2.0).
Was die Evidenz tatsächlich zeigt
Die 53 Prozent messen eine subjektive Wahrnehmung von Zugänglichkeit, keine geprüfte didaktische Qualität – und sie stammen aus einer freiwilligen Online-Befragung mit kommerziellem Absender.
Die 53-Prozent-Zahl stammt aus „Azubi-Recruiting Trends 2026″, einer großen doppelperspektivischen Befragung von u-form Testsysteme und AUBI-plus mit wissenschaftlicher Begleitung durch Prof. Dr. Christoph Beck (Hochschule Koblenz): 9.542 Azubis und dual Studierende sowie 2.071 Ausbildungsverantwortliche wurden befragt.
Das ist eine beachtliche Stichprobe – aber sie beruht auf freiwilliger Online-Teilnahme, nicht auf einem Zufallsverfahren, und der Herausgeber ist selbst Anbieter von digitalem Ausbildungsmanagement. Das entwertet die Zahlen nicht, aber es gehört zur Einordnung. Und die 53 Prozent messen eine subjektive Wahrnehmung – wie zugänglich und schnell verfügbar sich eine Erklärung anfühlt –, keine geprüfte didaktische Qualität.
Der BIBB-Datenreport 2026 liefert die methodisch nüchternere Ergänzung. In einer eigenen Befragung von 246 Ausbildungsverantwortlichen – vom Institut selbst ausdrücklich als nicht repräsentativ gekennzeichnet – zeigt sich ein differenziertes Bild: Weiterbildungsinstitute und berufliche Schulen nutzen generative KI bereits deutlich reifer als Betriebe, Kammern oder der öffentliche Dienst. Die größten Hürden sind nicht mangelnde Technik, sondern fehlende KI-Kompetenzen des Bildungspersonals und Unsicherheit bei Datenschutz und rechtlichen Fragen.

Quelle: BIBB-Datenreport 2026, Befragung von 246 Ausbildungsverantwortlichen (explorativ).
Noch aufschlussreicher ist eine Fallstudie aus dem Ausbildungsberuf Fachinformatik, ebenfalls im Datenreport dokumentiert. Azubis mit Zugang zu ChatGPT lösten Programmieraufgaben teils schneller und mit besserer Codequalität als Azubis, die nur klassisch recherchierten. Gleichzeitig zeigten sich handfeste Risiken: Lösungen wurden übernommen, ohne dass ein eigenes Verständnis entstand, es blieben unnötige Codereste zurück, und bei Aufgaben, die eigentlich das Verstehen von Code prüfen sollten, entstand ein Lernzielkonflikt.
Kurz: KI kann Ergebnisse verbessern und gleichzeitig Lernen verhindern – abhängig davon, wie sie eingesetzt wird.

Quelle: BIBB-Datenreport 2026.
Auf Ebene der gesamten Erwerbstätigkeit zeigt der Datenreport zusätzlich, wie stark das Ergebnis von der Definition abhängt: Eine konservativ angelegte Erhebung (BIBB/BAuA-Erwerbstätigenbefragung) kommt auf rund 21 Prozent KI-Nutzung, eine breiter gefasste Erhebung (DiWaBe 2.0) auf 62 Prozent. Nur rund 40 Prozent der Nutzenden geben an, dass ihr Arbeitgeber die Nutzung offiziell eingeführt hat – KI wird also überwiegend informell in die Arbeitspraxis hineingetragen. Genau das gilt vermutlich auch für die Ausbildung.
Differenzierte Einordnung – auch die Grenzen der Studien
Beide Quellen haben Schwächen, die man offen benennen sollte. Die u-form/AUBI-plus-Zahlen sind Stimmungsbilder aus einer Selbstselektions-Stichprobe eines kommerziellen Anbieters – aussagekräftig für Trends, nicht für exakte Prozentwerte. Die BIBB-Befragung unter Ausbildungsverantwortlichen ist mit 246 Teilnehmenden klein und explorativ – ein Frühindikator, kein Systembefund. Und die Fachinformatik-Fallstudie lässt sich nicht eins zu eins auf andere Ausbildungsberufe übertragen.
Was beide Quellen aber gemeinsam belegen, ist robuster: Es gibt eine reale Lücke zwischen dem, was Azubis heute schon mit KI tun, und dem, was Betriebe an Orientierung, Fortbildung und Leitplanken dafür anbieten. Diese Lücke ist das eigentliche Thema – nicht die Frage, ob eine Maschine besser erklärt als ein Mensch.
Was das im Unternehmensalltag bedeutet
Wenn Azubis KI bereits nutzen, ohne dass der Betrieb das begleitet, entscheidet nicht die Ausbildungsleitung darüber, wie gelernt wird – das übernimmt de facto ein Sprachmodell, ohne Qualitätssicherung und ohne Bezug zur Praxis des jeweiligen Betriebs.
Genau hier zeigt der Datenreport, was tatsächlich hilft: nicht das Verbieten von KI-Nutzung, sondern die aktive Einordnung durch den Ausbilder. Die Fachinformatik-Fallstudie macht das greifbar: Der Unterschied zwischen „KI hilft beim Lernen“ und „KI verhindert das Lernen“ liegt nicht im Werkzeug, sondern darin, ob jemand die Nutzung begleitet, einordnet und kritisch hinterfragt. Das ist exakt die Aufgabe, die ein Ausbilder erfüllt und ein Chatbot nicht erfüllen kann – die Rolle verschiebt sich, sie verschwindet nicht.

Quelle: u-form Testsysteme / AUBI-plus (2026). Selbstselektions-Stichprobe.
Konkrete Konsequenzen für Ausbildungsverantwortliche
Drei Ansatzpunkte lassen sich aus der Evidenz direkt ableiten:
- KI-Nutzung sichtbar machen, statt sie zu ignorieren. Wer nicht fragt, wie Azubis KI bereits einsetzen, verliert den Überblick über die tatsächliche Lernpraxis im eigenen Betrieb.
- Gezielt in die KI-Kompetenz der Ausbilder investieren, nicht nur in die der Azubis – der Datenreport zeigt, dass genau hier die größte Lücke liegt.
- Klare Leitplanken definieren, angelehnt an das, was in der Fachinformatik-Fallstudie funktioniert hat: KI als Werkzeug für Entlastung und Übung erlauben, aber Verständnisprüfung und Reflexion explizit beim Menschen belassen.
Fazit
Die Zahl, dass über die Hälfte der Azubis KI subjektiv für die bessere Erklärquelle hält, ist kein Urteil über Ausbilder – sie ist ein Hinweis darauf, wie schnell sich Lernverhalten verändert, während betriebliche Begleitung oft noch hinterherhinkt. Der BIBB-Datenreport 2026 liefert die nüchterne Gegenperspektive: KI verändert, wie gelernt wird, ersetzt aber nicht, wozu ein Ausbilder gebraucht wird – Einordnung, Reflexion, Qualitätssicherung des Lernens.
Die Frage ist nicht, ob KI kommt. Sie ist längst da. Die Frage ist, wer sie im Betrieb einordnet.
Häufige Fragen
Nein. Die vorliegenden Studien zeigen, dass KI als zusätzliche Erklär- und Übungsquelle genutzt wird, aber die Einordnung, Reflexion und Qualitätssicherung des Lernens weiterhin eine menschliche Aufgabe ist – der BIBB-Datenreport 2026 beschreibt KI ausdrücklich als Unterstützung, nicht als Ersatz.
Je nach Definition zwischen rund 21 und 62 Prozent unter Erwerbstätigen insgesamt (BIBB-Datenreport 2026); nur rund 40 Prozent der Nutzenden berichten eine offizielle betriebliche Einführung.
Die Studie misst eine subjektive Wahrnehmung von Zugänglichkeit und Verfügbarkeit, keine geprüfte didaktische Qualität. KI ist jederzeit verfügbar und antwortet ohne Zeitdruck.
In die KI-Kompetenz des Ausbildungspersonals investieren, klare Nutzungsleitplanken definieren und einen Rahmen schaffen, in dem Azubis KI-Nutzung offen besprechen können, statt sie verdeckt zu praktizieren.
Nicht zwangsläufig. Die dokumentierte Fallstudie bezieht sich auf die Fachinformatik; die Übertragbarkeit auf andere Berufsbilder sollte betriebsindividuell geprüft werden.