29,7 Prozent. Fast jedes dritte Ausbildungsverhältnis in Deutschland wurde 2024 vorzeitig gelöst – rund 159.000 Verträge. Das ist derselbe Wert wie 2023; der Berufsbildungsbericht 2026 spricht von einer Stagnation auf hohem Niveau. Gleichzeitig meldet das Statistische Bundesamt für 2025 nur noch rund 461.800 neu abgeschlossene Ausbildungsverträge, 2,8 Prozent weniger als im Vorjahr.
Stand: Juli 2026
Wer beide Zahlen nebeneinanderlegt, erkennt das eigentliche Problem: Es kommen weniger junge Menschen nach – und von denen, die kommen, verliert ein erheblicher Teil der Betriebe zu viele wieder.

Quelle: KOFA Kompakt 2/2026 (IW Köln) auf Basis BIBB. Lösungsquote ≠ Abbruchquote.
Warum das auf die Vorstandsagenda gehört
Für Unternehmen mit fünfzehn, dreißig oder achtzig Auszubildenden ist das keine Statistik, sondern eine Kostenposition. Jede vorzeitige Vertragslösung bedeutet: Rekrutierungsaufwand verloren, Ausbilderzeit verloren, im schlechtesten Fall ein unbesetzter Fachkräftearbeitsplatz in drei Jahren.
Der Berufsbildungsbericht 2026 der Bundesregierung beziffert die Lage am Markt: Das Ausbildungsangebot sank im Berichtsjahr 2025 um 4,6 Prozent auf 530.300 Plätze, 54.400 Stellen blieben unbesetzt, während 39.900 Bewerberinnen und Bewerber am Ende ganz ohne Platz dastanden – 28 Prozent mehr als im Vorjahr. Angebot und Nachfrage finden schlechter zusammen. Wer in diesem Umfeld einen passenden Auszubildenden gewonnen hat, kann sich einen Verlust auf halber Strecke schlicht nicht mehr leisten.
Ein wichtiger Hinweis zur Einordnung, bevor daraus falsche Schlagzeilen werden: Die Lösungsquote ist keine Abbruchquote. Wer den Betrieb oder den Beruf wechselt und im dualen System bleibt, taucht in den 29,7 Prozent ebenfalls auf. Ein Teil der Vertragslösungen ist also Umsteuern, nicht Ausstieg. Für den einzelnen Betrieb macht das allerdings kaum einen Unterschied – der Auszubildende ist weg, die Lücke bleibt.
Was die Daten tatsächlich zeigen: Bindung ist gestaltbar
Die Lösungsquote schwankt je nach Beruf zwischen 4,5 und 49,5 Prozent. Diese Spannweite ist kein Schicksal, sondern ein Gestaltungsspielraum.
Der aufschlussreichste Teil der IW-Auswertung ist der Vergleich zwischen den Berufen. Bei Fachkräften für Schutz und Sicherheit wurde 2024 näherungsweise jedes zweite Ausbildungsverhältnis vorzeitig gelöst (49,5 Prozent), bei Friseurinnen und Friseuren ebenso (49,0 Prozent), bei Berufskraftfahrern 44,8 Prozent. Am anderen Ende: Industriekaufleute mit 4,5 Prozent, Bankkaufleute mit 11,0 Prozent, Elektroniker für Automatisierungstechnik mit 12,9 Prozent.
Zwischen 4,5 und 49,5 Prozent liegt keine Naturgewalt, sondern ein Gestaltungsspielraum. Natürlich spielen Arbeitsbedingungen eine Rolle – körperliche Belastung, Wochenendarbeit, gesellschaftliches Ansehen des Berufs. Aber die Autoren der Auswertung weisen auf ein Muster hin, das Entscheider aufhorchen lassen sollte: Besonders niedrige Lösungsquoten finden sich häufig dort, wo junge Menschen eine klare Perspektive nach der Ausbildung sehen, wo Strukturen professionell sind und wo Übernahmechancen und Entwicklungswege sichtbar gemacht werden. Perspektive bindet.
Interessant ist auch der Blick auf die Unternehmensgröße. Große Unternehmen punkten mit professionellen Strukturen, Bekanntheit und Arbeitgebermarke. Kleine und mittlere Betriebe haben ein anderes Pfund: Nähe, kurze Wege, persönliche Betreuung. Dieselbe Nähe kann allerdings kippen – wenn Konflikte zwischen Ausbilder und Auszubildendem ungelöst bleiben, belastet das in einem kleinen Betrieb das gesamte Ausbildungsverhältnis. Und genau hier liegt nach der Auswertung einer der häufigsten Gründe für vorzeitige Lösungen: unausgesprochene Konflikte, Missverständnisse, mangelnde Kommunikation.
Zwei Wahrheiten, die selten zusammenkommen
Betriebe sehen die Ursache für Vertragslösungen überwiegend bei den Auszubildenden, Auszubildende überwiegend beim Betrieb. Beide beschreiben denselben Bruch – und erklären ihn mit der jeweils anderen Seite.
Die BIBB-Forschung von Neises und Uhly hat bereits 2024 herausgearbeitet, dass Betriebe und Auszubildende die Gründe für Vertragslösungen systematisch unterschiedlich beschreiben. Betriebe verweisen überwiegend auf die Jugendlichen: fehlende Leistungsbereitschaft, unzureichende Leistungsfähigkeit. Auszubildende verweisen überwiegend auf den Betrieb: Qualität der Ausbildung, Zeit- und Leistungsdruck, Kommunikation mit den Ausbildern. In einer Befragung der IHK Rheinland-Pfalz nannten 53,6 Prozent der Azubis, die ihren Betrieb nicht wieder wählen würden, die Unzufriedenheit mit der Ausbildungsqualität als wichtigsten Grund – eine regionale Momentaufnahme, aber eine, die zum Gesamtbild passt.

Darstellung: Akademie Wicke auf Basis von Neises/Uhly (2024, BIBB).
Beide Seiten haben vermutlich recht – und genau das ist das Problem. Wenn der Betrieb „der Azubi will nicht“ diagnostiziert und der Azubi „der Betrieb kümmert sich nicht“, reden zwei Parteien aneinander vorbei, bis eine von beiden den Vertrag löst. Die Lösung liegt selten in mehr Härte oder mehr Nachsicht, sondern in der Qualität des Dialogs dazwischen. Und dieser Dialog hat einen Namen und ein Gesicht: die Ausbilderin, den Ausbildungsbeauftragten, die Führungskraft im Fachbereich.
Was das im Unternehmensalltag bedeutet
Aus den Daten lassen sich vier Handlungsfelder ableiten, die in der Verantwortung des Unternehmens liegen – unabhängig von Schulpolitik und Demografie:
Erstens: Passung vor Tempo im Auswahlprozess. Der Berufsbildungsbericht zeigt ein wachsendes Passungsproblem am Markt. Wer im Auswahlprozess nur auf schnelle Vertragsabschlüsse optimiert, kauft sich spätere Lösungen ein. Realistische Einblicke in den Berufsalltag – Praktika, Schnuppertage, ehrliche Gespräche über Anforderungen – kosten vorne Zeit und sparen hinten Verträge.
Zweitens: Die ersten Monate bewusst gestalten. Die Zeit zwischen Vertragsunterschrift und bestandener Probezeit entscheidet über die Beziehung. Struktur, klare Ansprechpartner und frühe Erfolgserlebnisse sind kein Komfort, sondern Bindungsarbeit.
Drittens – und aus meiner Sicht die wichtigste Stellschraube: die Ausbilder selbst. Wer Konflikte früh erkennt, Feedback so gibt, dass es ankommt, und die Signale junger Menschen lesen kann, verhindert Vertragslösungen, bevor sie entstehen. Das ist lernbar. Es passiert nur selten von allein – Ausbildungsbeauftragte üben ihre Rolle meist neben einer fachlichen Haupttätigkeit aus und werden dafür selten systematisch qualifiziert. Genau diese Menschen entscheiden aber im Alltag darüber, ob aus der asymmetrischen Wahrnehmung ein Gespräch wird oder eine Kündigung.
Viertens: Perspektive sichtbar machen. Übernahme, Entwicklungspfade, das Bild vom eigenen Platz im Unternehmen in drei Jahren – die Berufe mit den niedrigsten Lösungsquoten zeigen, wie stark dieser Faktor wirkt. Perspektive ist kein Poster im Pausenraum, sondern ein konkretes Gespräch im ersten Ausbildungsjahr.

Darstellung: Akademie Wicke.
Die Rechnung, die selten aufgemacht wird
Was eine vorzeitige Vertragslösung kostet, taucht in keiner Kostenstelle einzeln auf – und bleibt deshalb oft unsichtbar. Wer die Position ehrlich kalkuliert, kommt schnell auf einen fünfstelligen Betrag pro Fall: Ausschreibung und Auswahlverfahren, Ausbilderstunden der ersten Monate, Berufsschulkoordination, Einarbeitung im Fachbereich, dazu die Opportunitätskosten einer Stelle, die im Folgejahr erneut besetzt werden muss – falls sie sich überhaupt noch besetzen lässt. Bei einem Unternehmen mit 30 Auszubildenden und einer Lösungsquote nahe dem Bundesdurchschnitt stehen so Jahr für Jahr acht bis neun verlorene Ausbildungsverhältnisse in den Büchern, ohne dass sie je als Summe sichtbar werden.
Dieser Blick lohnt sich auch als Steuerungsinstrument. Drei Fragen genügen für den Einstieg im nächsten Führungskreis: Wie hoch ist unsere eigene Lösungsquote der letzten drei Jahrgänge – nicht gefühlt, sondern gezählt? In welchem Ausbildungsabschnitt verlieren wir die meisten jungen Menschen – vor dem ersten Tag, in der Probezeit, im zweiten Jahr? Und: Wer im Haus ist eigentlich dafür verantwortlich, dass diese Zahl sinkt? Erfahrungsgemäß ist die dritte Frage die unbequemste. Ausbildung gilt vielerorts als Gemeinschaftsaufgabe – und was allen gehört, gehört im Zweifel niemandem.
Fazit
Die anhaltend hohen Zahlen bei Vertragslösungen sind kein Jugendproblem und kein Konjunkturphänomen, das sich auswächst. Sie sind ein Führungsthema. Unternehmen können den demografischen Trend nicht drehen und die Berufsorientierung an Schulen nur begrenzt beeinflussen. Was sie vollständig in der Hand haben: die Qualität der Auswahl, die Gestaltung der ersten Monate, die Kompetenz ihrer Ausbilder und die Sichtbarkeit von Perspektiven. Wer 2026 in die Bindungsfähigkeit seiner Ausbildung investiert, kauft sich Fachkräfte, die der Markt in drei Jahren nicht mehr hergibt.
Häufige Fragen
Nein. Die Lösungsquote (29,7 % für 2024) zählt alle vorzeitig beendeten Verträge – auch Betriebs- und Berufswechsel innerhalb des dualen Systems. Der endgültige Ausstieg aus der Ausbildung liegt darunter.
Der Großteil der Lösungen fällt in die frühe Phase – Probezeit und erstes Ausbildungsjahr. Deshalb haben Auswahlprozess und die ersten Monate den größten Hebel.
Je nach Beruf und Zeitpunkt typischerweise ein fünfstelliger Betrag: Rekrutierung, Ausbilderzeit, Einarbeitung und die Wiederbesetzung der Stelle – sofern sie überhaupt gelingt.
Die eigenen Stärken systematisieren: Nähe und kurze Wege wirken nachweislich – wenn Ausbildungsbeauftragte für Konflikte und Feedback qualifiziert sind und feste Gesprächsanker existieren.
Quellen & Weiterlesen
- Kunath, G. / Herzer, P. (2026): Hohe Vertragslösungen, fehlende Fachkräfte? KOFA Kompakt 2/2026, Institut der deutschen Wirtschaft.
- Statistisches Bundesamt (2026): Duale Berufsausbildung – 2,8 % weniger Neuverträge im Jahr 2025.
- BMBFSFJ (2026): Berufsbildungsbericht 2026.
- Neises, F. / Uhly, A. (2024): Vorzeitige Vertragslösungen aus Sicht von Betrieben und Auszubildenden. BIBB.
Vertiefend zu diesem Thema: unsere Publikation Der Regimewechsel in der Ausbildung und die Fachstudie Die stille Führungsrolle.