Wer ist da, wenn ein Azubi nicht weiterweiß?

Ein Auszubildender bekommt eine Aufgabe. Eine Sache ist unklar.

Stand: August 2026

dgb-ausbildungsreport 2026: datenkarte 8,5 prozent gegenüber 36 prozent hoch belasteter auszubildender je nach verfügbarkeit des ausbilders
8,5 gegen 36 Prozent — je nachdem, ob eine Ansprechperson da ist.
Quelle: DGB-Ausbildungsreport 2026, n = 13.227 Auszubildende, Erhebung Mai 2025 bis April 2026. Zusammenhang aus einer Querschnittsbefragung, kein Wirkungsnachweis.

Für den Betrieb ist das ein kleiner Moment. Für den Auszubildenden ist es der Moment, in dem sich entscheidet, ob er lernt oder rät.

Kann er jemanden fragen, ist die Sache nach zwei Minuten geklärt. Findet er niemanden, entscheidet er allein. Er arbeitet weiter. Aber die Frage bleibt: War das richtig?

Genau an solchen Stellen entscheidet sich Ausbildungsqualität. Nicht im Konzept. Im Alltag.

Nicht jede Unsicherheit ist Überforderung. Manchmal fehlt einfach die Rückendeckung.

Warum das für den Betrieb teuer wird

Ungeklärte Rückfragen kosten Geld, nur später und an anderer Stelle.

Ein Auszubildender, der rät, macht Fehler. Die Fehler fallen erst auf, wenn jemand anders damit weiterarbeitet. Dann kostet die Korrektur mehr Zeit, als die Frage gekostet hätte.

Dazu kommt ein zweiter Effekt. Wer oft allein entscheiden muss und dabei unsicher bleibt, zieht sich zurück. Er fragt noch seltener. Das Problem verstärkt sich selbst.

In der Probezeit wird daraus schnell ein Urteil über die Person.

„Der Azubi ist unsicher.“
„Sie übernimmt keine Verantwortung.“
„Er fragt zu wenig.“
„Sie ist nicht belastbar.“

Manchmal stimmt das. Oft hat vorher aber niemand geprüft, ob der junge Mensch überhaupt eine verlässliche Ansprechperson hatte.

Und wenn ein Ausbildungsplatz mitten im Jahr frei wird, lässt er sich im laufenden Jahrgang kaum nachbesetzen. Auswahl und Einarbeitung sind dann schon bezahlt.

Was Führungskräfte im Fachbereich oft unterschätzen

Für eine Führungskraft sieht eine kurze Rückfrage nach Unterbrechung aus. Für den Auszubildenden ist sie der Unterschied zwischen Lernen und Raten.

Wenn Rückfragen keinen verlässlichen Ort haben, entstehen drei Risiken.

Fehler werden später sichtbar und kosten dann mehr Zeit. Auszubildende lernen, ihre Unsicherheit zu verstecken. Und Ausbilderinnen und Ausbilder werden ständig nebenbei belastet, statt mit einem klaren Auftrag zu arbeiten.

Gute Erreichbarkeit heißt deshalb nicht, dass jemand jederzeit alles stehen lässt. Gute Erreichbarkeit heißt: Rückfragen sind organisiert.

Was der Ausbildungsreport 2026 dazu zeigt

Der DGB-Ausbildungsreport misst an dieser Stelle einen deutlichen Unterschied.

Wo Ausbilderinnen und Ausbilder am Ausbildungsplatz immer verfügbar sind, fühlen sich 8,5 Prozent der Auszubildenden hoch belastet. Wo sie selten oder nie verfügbar sind, sind es 36 Prozent.

Gemeint ist keine klinische Diagnose, sondern eine starke subjektive Belastung durch Arbeitsanforderungen wie Leistungsdruck, Personalmangel oder Verantwortungsdruck.

Befragt wurden 13.227 Auszubildende in den fünfundzwanzig häufigsten dualen Ausbildungsberufen.

dgb-ausbildungsreport 2026: säulendiagramm in wie vielen bereichen sich auszubildende stark belastet fühlen
Knapp die Hälfte nennt keinen Belastungsbereich, ein gutes Sechstel mehr als zwei.
Quelle: DGB-Ausbildungsreport 2026, n = 13.227 Auszubildende, Erhebung Mai 2025 bis April 2026. Neun abgefragte Bereiche der Arbeitsanforderungen und -bedingungen; 2016 lag der Anteil mit mindestens einem Bereich ebenfalls über 50 Prozent.

Wie oft die Ansprechperson fehlt, beziffert der Report ebenfalls. Fast jeder zehnte Auszubildende hat am Ausbildungsplatz überhaupt keinen Ausbilder. Bei weiteren gut elf Prozent ist die Person selten bis nie präsent. Zusammen ist das etwa jeder Fünfte.

Beim Sprechen über Belastung zeigt sich dasselbe Muster. Von den belasteten Auszubildenden haben gut vier von zehn niemanden, mit dem sie darüber reden können.

Was die Zahl misst — und was nicht

Die Zahl zeigt einen Zusammenhang, keine Wirkung.

Der Report stellt zwei Gruppen nebeneinander und zählt aus. Er zeigt nicht, dass ein anwesender Ausbilder die Belastung senkt.

Der naheliegende Einwand steckt in denselben Daten. Berufe mit den höchsten Belastungswerten haben auch insgesamt die schwierigsten Bedingungen. Wo Personal knapp ist und Ausbildung nebenher läuft, fehlt die Ansprechperson häufiger. Branche und Betriebsgröße sind hier nicht herausgerechnet.

Der Unterschied zeigt also, dass Häuser sich unterscheiden. Woran das liegt, sagt die Zahl nicht. Sie sagt, wo man nachsehen kann.

Bemerkenswert ist, wie zurückhaltend der Report an einer Stelle selbst bleibt. Die Präsenzwerte der Ausbilder schwankten über die Jahre kaum. Den Einbruch der Zufriedenheit erklären sie also nicht.

Warum gute Erreichbarkeit nicht Dauerverfügbarkeit heißt

Ständige Verfügbarkeit ist keine Lösung. Sie ist ein zweites Problem.

Der Report unterscheidet nur zwischen „immer“ und „selten bis nie“ verfügbar. Er sagt nicht, was ständige Verfügbarkeit den Ausbilder kostet.

In der Praxis kostet sie viel. Wer permanent ansprechbar ist, wird permanent unterbrochen. Am Ende sitzt hinter der offenen Tür oft niemand mehr.

dgb-ausbildungsreport 2026: prozesskette unklare aufgabe rückfrage und erledigung mit abzweig ohne erreichbare ansprechperson
Zwei Minuten oder ein ganzer Tag — der Unterschied liegt im Abzweig.
Quelle: DGB-Ausbildungsreport 2026. Ohne Ausbilder am Platz: 8,9 %; selten bis nie präsent: 11,6 %.

Verlässliche Rückfragezeiten schlagen dauernde Unterbrechung. Der Auszubildende weiß, wann er fragen kann. Der Ausbilder weiß, wann er ungestört arbeiten kann.

Wie das aussieht, hängt vom Betrieb ab. Ein kurzer täglicher Check-in, eine feste Ansprechzeit oder eine klare Vertretungsregel. In Schicht, Pflege oder Filialstruktur sieht das anders aus als im Büro.

Das ist der Punkt, der Arbeit wegnimmt statt zusätzliche zu erzeugen.

Was sich ändern lässt — und was der Betrieb davon hat

Wirkungsversprechen lassen sich aus diesen Daten nicht ableiten. Dafür bräuchte es eine Interventionsstudie. Ableiten lassen sich Stellschrauben, die zu den gemessenen Zusammenhängen passen.

Erreichbarkeit ist eine Frage der Organisation, nicht der Freundlichkeit. Es reicht nicht, dass jemand benannt ist. Es braucht eine Vertretung für Urlaub, Schicht und Termin. In Häusern mit vielen Standorten und vielen Ausbildungsbeauftragten ist die Regel wichtiger als die einzelne Person. Wer ausfällt, wechselt. Dass jemand da ist, darf nicht wechseln.

Ein fester Rückfragepunkt schlägt die bloß offene Tür. Kurz, verlässlich, wirklich eingehalten.

Erklären gehört zur Aufgabe. Der Report nennt verständliches Erklären als zweiten Faktor, der mit niedrigerer Belastung einhergeht. Das kostet im Moment Zeit und spart sie danach.

Eine zweite Ansprechperson neben dem Ausbilder. Wer fachlich anleitet und zugleich beurteilt, ist nicht für jedes Thema die naheliegende Adresse.

Was der Betrieb davon hat, lässt sich benennen. Fragen kommen früh statt spät. Ausbilder werden seltener unterbrochen. Die Probezeit wird zur Klärungsphase statt zum Zeitpunkt der Überraschung. Und der Betrieb erkennt Muster. Wenn Belastung immer in derselben Abteilung entsteht, liegt es selten an den Auszubildenden.

Eine Grenze gehört dazu. Belastung entsteht nicht nur im Betrieb. Über die Hälfte der Befragten nennt auch private Gründe, an erster Stelle Geld und Wohnen. Ausbilderinnen und Ausbilder sind keine Therapeuten und sollen es nicht werden. Ihre Aufgabe ist, ansprechbar zu sein und den Weg zu fachlicher Hilfe zu kennen.

Was Sie in Ihrem Haus prüfen sollten

Vier Fragen. Für keine davon brauchen Sie ein Projekt.

  1. Wen fragt ein Auszubildender, wenn die zuständige Person Urlaub, Schicht oder Termin hat? Gibt es dafür eine benannte Vertretung?
  2. Wie lange dauert es im Schnitt, bis eine Rückfrage beantwortet ist? Nicht geschätzt — eine Woche lang mitschreiben.
  3. Gibt es neben dem Ausbilder eine zweite Ansprechperson, die nicht beurteilt?
  4. Welche Ihrer Ausbilder sind ständig erreichbar, und wie oft werden sie dabei unterbrochen?

Der Punkt

Die Belastungswerte haben sich seit zehn Jahren kaum verändert.

Wer aus dem Report herausliest, junge Menschen seien heute empfindlicher, liest ihn gegen seine eigenen Daten.

Verändert hat sich anderes. Die Zufriedenheit ist auf den niedrigsten je gemessenen Wert gefallen. Ausbildungsfremde Tätigkeiten erreichen einen Höchststand. Der Ausbildungsplan wird seltener eingehalten. Das beschreibt betriebliche Praxis, nicht einen Jahrgang.

dgb-ausbildungsreport 2026: schaubild erschöpfung präsentismus und abbruchgedanken bei hoch und gering belasteten auszubildenden
Erschöpfung, Präsentismus und Abbruchgedanken bei hoch und gering belasteten Auszubildenden.
Quelle: DGB-Ausbildungsreport 2026, n = 13.227. Abbruchgedanken bilden Absichten ab, kein Vertragslösungsverhalten.
Merkmalhoch belastetgering belastet
am Ende des Ausbildungstages erschöpft80,8 %32,8 %
kommen auch krank regelmäßig zur Arbeit61,4 %35,6 %
denken häufig an einen Abbruch48,7 %8,6 %
Quelle: DGB-Ausbildungsreport 2026, n = 13.227. Abbruchgedanken bilden Absichten ab, kein Vertragslösungsverhalten.

Ein Wert sticht heraus. Unter den hoch belasteten Auszubildenden sind die Abbruchgedanken in zehn Jahren von 36,5 auf 48,7 Prozent gestiegen. Gedanken sind keine Kündigungen, und man darf sie nicht mit der Vertragslösungsquote verrechnen. Die Richtung ist trotzdem deutlich.

Wer das versteht, kann im eigenen Haus zwei Dinge auseinanderhalten. Ob ein Auszubildender tatsächlich überfordert ist. Oder ob ihm nur eine verlässliche Rückfrage gefehlt hat. Das erste braucht Entwicklung. Das zweite braucht Organisation. Und Organisation lässt sich nächste Woche ändern.

Wen fragt eine Auszubildende in Ihrem Haus, wenn sie morgen um zehn eine Aufgabe nicht versteht? Und wie lange dauert es, bis sie eine Antwort hat?

Genau hier setzt unsere Arbeit an. Wir arbeiten am Zusammenspiel von Rolle, Erreichbarkeit und Verantwortung im Fachbereich. Was das von einer Ausbilderin oder einem Ausbilder verlangt und warum es so selten geregelt ist, behandelt unsere Fachstudie „Die stille Führungsrolle“.

Wenn Sie prüfen möchten, wie Erreichbarkeit in Ihrem Haus organisiert ist: Rahmencheck, ca. 15–20 Minuten, Tel. 02161-277 52 32.

Kurz gesagt

Wenn Rückfragen keinen verlässlichen Ort haben, entstehen Unsicherheit, Fehler und unnötige Belastung. In der Probezeit wird daraus ein Urteil über die Person, obwohl es eine Organisationsfrage ist.

Der DGB-Ausbildungsreport 2026 zeigt dazu einen deutlichen Unterschied: 8,5 gegen 36 Prozent hoch Belastete, je nachdem ob die Ausbilderin oder der Ausbilder immer oder selten verfügbar ist.

Das ist kein Wirkungsnachweis. Es ist ein Prüfpunkt für Ausbildungsleitung und Fachbereiche.

Zur Methodik

Für alle, die die Zahlen einordnen wollen.

Der DGB-Ausbildungsreport 2026 erschien am 20. August 2026. Befragt wurden 13.227 Auszubildende zwischen Mai 2025 und April 2026, schriftlich vor Ort und meist klassenweise, überwiegend im Rahmen der Berufsschultouren der Gewerkschaftsjugend. Die Berufe wurden nach ihrem tatsächlichen Anteil an allen Auszubildenden gewichtet.

Das ist keine Zufallsstichprobe. Der Report bezeichnet sich an keiner Stelle als repräsentativ. Er begründet seine Reichweite damit, dass Betriebsgröße, Tarifbindung und Lage durch die Streuung der Berufsschulklassen zufällig verteilt seien.

Der DGB ist Interessenvertretung und verbindet den Report mit eigenen Forderungen. Das entwertet die Daten nicht, gehört aber dazu.

Die Belastungsangaben sind Selbstauskünfte. Sie beschreiben empfundene Belastung, keine klinischen Diagnosen.

Der Report enthält einen weiteren Wert. Wer die fachliche Qualität seiner Ausbildung als ausreichend oder mangelhaft bewertet, fühlt sich zu 49,1 Prozent hoch belastet. Bei guter oder sehr guter Bewertung sind es 9,4 Prozent. Der Report zieht daraus ausdrücklich nicht den Schluss, das Anforderungsniveau müsse sinken.

Häufige Fragen

Wie viele Auszubildende haben keinen erreichbaren Ausbilder?

Rund jeder Fünfte. 8,9 Prozent haben am Ausbildungsplatz gar keinen Ausbilder, bei weiteren 11,6 Prozent ist er selten bis nie präsent (DGB-Ausbildungsreport 2026).

Senkt ein erreichbarer Ausbilder die Belastung?

Der Report zeigt einen Zusammenhang, keinen Wirkungsnachweis. Bei stets verfügbarem Ausbilder fühlen sich 8,5 Prozent hoch belastet, bei selten oder nie verfügbarem 36 Prozent.

Ist der DGB-Ausbildungsreport repräsentativ?

Er bezeichnet sich selbst nicht so. Die Befragung lief überwiegend über die Berufsschultouren der Gewerkschaftsjugend.

Was können Ausbildungsbetriebe konkret tun?

Vertretungsregel für Erreichbarkeit, ein fester kurzer Zeitpunkt statt permanenter Verfügbarkeit, verständliches Erklären als Teil der Aufgabe, eine zweite Ansprechperson, die nicht beurteilt.

Sind Ausbilder für psychische Belastung zuständig?

Nein. Ihre Aufgabe ist, ansprechbar zu sein und den Weg zu fachlicher Hilfe zu kennen.

Quellen & Weiterlesen

akademie wicke: abbinder mit porträt von elvir kajgana verweis auf die fachstudie die stille führungsrolle und den rahmencheck

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